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„Tat Sachen Theater“ spielte „Der rote Ahorn“ in der Meerwiese

Filmmusik fürs Kopfkino

Münster

Avantgardistische Musik für Kinder? Das funktioniert, wie das Theater „Tat Sachen“ märchenhaft zeigte.

Von Wolfgang A. Müller

Anna Murböck in vielen Rollen und Foto: Thomas Mohn

Er ist es gewohnt zu bekommen, was ihm vermeintlich zusteht. Sein Herz ist kalt wie Stein, und wenn er seine Stimme erhebt, färbt sie sich mit dem Pochen einer Basstrommel und der gebieterischen Resonanz eines großen Gongs. Obwohl nur in der Fantasie sichtbar, hinterließ der Berggeist, der in „Der rote Ahorn“ einem Liebespaar zusetzt, im Begegnungszentrum Meerwiese beim kindlichen wie erwachsenen Publikum mächtig Eindruck.

Ebenso wie die übrigen Protagonisten in diesem von Anna Murböck vorgetragenen chinesischen Märchen. Nicht zuletzt fasziniert aber auch das Instrumentarium, das das Tat Sachen Theater auffährt und an dem Jens Brülls alle Hände voll zu tun hat. Es wirkt wie die Schaltzentrale eines Perkussions-Raumschiffs: ein Marimbaphon, darüber Gongs und Becken, Congas und Bongos; links Glocken und Klangschalen, eine „Chimes“ genannte Klangstabreihe, Basstrommel, ein weiterer großer Gong. Hier entstehen, nach der Partitur des Komponisten Johannes Fritsch (1941-2010), kleine musikalische Motive, die einzelnen Charakteren, Orten und Stimmungen zugeordnet sind und den Film im Kopfkino des Publikums mit durchaus bizarrer Musik unterlegen.

In ausdrucksstarken Tim­brewechseln erzählt Murböck die Geschichte von Jasmin und Shitun, die ihr allzu stressiges Zuhause verlassen. Als sie im Wald bei einer verwunschenen Quelle rasten, trinkt Jasmin daraus. Wo eben noch der Klang der Chimes eine zauberhafte Atmosphäre heraufbeschworen hat, streicht Brülls mit Drahtbesen über die Becken, während Murböck mimisch und mit krächzender Stimme eine alte Frau vorstellt: „Oh, ihr armen Kinder!“, warnt sie. „Wenn ihr wüsstest, welch‘ Unglück euch erwartet!“ Alles werde aber gut, hat die Sprecherin den anwesenden Kindern aber anfangs schon versprochen. Und so geht es auf ein Abenteuer, einen tosenden Kampf mit Drachen, Trugbildern und dem bösen Ahorngeist selbst, dem der junge Shitun zum Getrappel der Congas entgegen galoppiert.

Johannes Fritsch, der mit Karlheinz Stockhausen zusammenarbeitete und lange als bedeutender Akteur in der Szene der Neuen Musik in Erscheinung trat, hatte dieses 1983 uraufgeführte Werk geschrieben, als er selbst Vater wurde, so Jens Brülls. Auf die tonale Ästhetik klassischen Kinderliedguts verzichtete der Komponist. Avantgardistisches Musiktheater für Kinder? Die bravouröse Inszenierung des Tat Sachen Theaters zeigt: Es kommt an!

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