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Kunsthalle Münster, LWL-Museum für Kunst und Kultur und Westfälischer Kunstverein zeigen „Nimmersatt?“

Flammenwerfer am Müllcontainer

Münster

Ist Wachstum der Weg zum globalen Heil? Zweifel daran sind erlaubt, sogar geboten. Und drei Museen in Münster zeigen jetzt, wie Künstler dazu Stellung beziehen.

Von Harald Suerland

Eva Kotátková aus Prag schuf eine raumgreifende Skulptur, die bei Performances betreten und verändert wird (gr. Bild). Filigrane Blätter zeichnete Andreas Siekmann mit seinen „Aufzeichnungen aus einem postfaktischen Zeitalter“. Foto: LWL

Der Anfang ist schon großes Kino. Allerdings gibt es keine spektakulären Effekte auf der Leinwand und keine populären Stars, sondern eine junge Frau, die von ihren indigenen Wurzeln in Norddakota erzählt, vom Massaker am Wounded Knee, von gefährlichen Eingriffen mit einer Ölpipeline in die Natur ihres Herkunftsgebiets. Diese Natur, die grandiose Landschaft und der Blick auf eine Büffelherde, bilden das Panorama ihrer Erzählung. Und lassen zum Beispiel Fragen anklingen wie: Ist es nötig, für globales Wachstum diese Schönheit zu schädigen?

„Nimmersatt?“ heißt mit einem putzig anmutenden Titel eine Ausstellung, wie es sie so in Münster noch nicht gab. Denn es geht darum, „Gesellschaft ohne Wachstum zu denken“. Um die künstlerischen Anstöße dafür aufzunehmen und wiederzugeben, arbeiten drei große Institutionen zusammen: das LWL-Museum für Kunst und Kultur, der Westfälische Kunstverein im selben Gebäude und, weiter draußen am Hafen, die Kunsthalle Münster.

„Die Grenzen des Wachstums sind natürlich kein neues Thema“, sagte LWL-Direktor Matthias Löb gestern bei der ersten Präsentation, „aber hochrelevant – wie die gezeigten künstlerischen Positionen.“ Und auf die Geschichte der Raupe Nimmersatt bezogen, die der Ausstellungstitel zitiert, machte er deutlich: „Das Bild vom wunderschönen Schmetterling, in den sich die Raupe verwandelt, kann nicht so eintreten.“

Schon beim raschen Presserundgang durch die Museen zeigte sich: Wer ein zu verkopftes Ausstellungskonzept befürchtet, kann sich frohgemut den kon­trastreich zusammengestellten Exponaten hingeben, denn es geht überaus sinnlich zu. Draußen etwa, wo Kunstverein und Landesmuseum aneinandergrenzen und vor nicht allzu langer Zeit noch Henry Moore den Platz zierte, weckt jetzt ein tannengrünes Werk das Interesse der Passanten: Anita Molinero hat zwei Plastikmülltonnen wuchtig miteinander verbunden. „Sie arbeitet gern mit dem Flammenwerfer“, erklärt Kunstvereins-Direktorin Kristina Scepanski. Drinnen im Kunstverein gibt es einen großen schwarzen Reifen, in den Molinero rotes und gelbes Plastik eingebrannt hat: Deutschland-Farben der anderen Art.

Ausstellungs-Infos

Der Gang durch das Landesmuseum bietet ein Wechselbad der Gefühle, Genres, Blickwinkel. Neben dem Entree mit dem eingangs erwähnten Video „My Name Means Future“ von Andrea Bowers, dessen Titel den Sioux-Namen „Tokata“ der gefilmten Aktivistin erklärt, öffnet sich eine raumfüllende Installation, in der Georges Adéagbo aus Benin religiös geprägte Gegenstände aus seiner Heimat mit solchen aus Münster, zum Teil aus Trödelläden, kombiniert hat: Da stehen fremdartig wirkende Skulpturen neben guten alten Schallplatten mit Beethovens C-Dur-Messe. Verflechtung anstelle der Hoheitsansprüche des Globalen Nordens.

Zeichnungen und Fotokunst greifen die vielen Aspekte des Themas Wachstumskritik auf, aber immer wieder kommt das Medium Film vor – etwa bei Nina Fischer und Maroan el Sani, die eine fiktive Dorfgemeinschaft in einem Streit um Beharren oder Verändern zeigen; dazu wurde eine hölzerne Arena errichtet, in der Museumsbesucher zuschauen oder debattieren können. Und natürlich kommt auch das Genre der Performance in der Kunsthalle und im Museum zu seinem Recht.

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