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Die „Orestie“ des Aischylos mit drei neuen Texten

Frauen am Rande des Krieges

Münster

Mit der „Orestie“ beschäftigen sich zu Beginn der neuen Theaterära in Münster alle großen Sparten. Das Schauspiel nahm den Text des griechischen Autors Aischylos durchaus komödiantisch in den Blick, ergänzte ihn aber mit drei bemerkenswerten Frauen-Monologen.

Eine Bluttat ist geschehen, Agamemnon (Ansgar Sauren, sitzend) wurde ermordet. Das Täterpaar Klytaimnestra und Aighist (Nadine Quittner und Agnes Lampkin, hinten) wird bald von der Rache ereilt. Foto: Sandra Then

Bei den beiden Schwestern hat sich eine Menge Zorn angesammelt. Die eine, Iphigenie, hadert über alle Zeiten hinweg mit Vater Agamemnon, der sie für den Krieg opferte, und hätte als literarische Figur gern eine wirkliche Rolle in der „Orestie“ des Aischylos gespielt. Und die andere, Elektra, leidet vor allem unter der mächtigen Mutter Klytaimnestra, die sie unterdrückt und wie eine Magd behandelt.

Zwei große Frauenerzählungen rahmen die Inszenierung der „Orestie“ ein, mit der das Theater Münster in der neuen Intendanz sein Premierenwochenende eröffnete – die „Furien“ im Tanztheater waren ihm ja schon vorausgegangen. Zwei Auftragswerke der Autorinnen Sivan Ben Yishai und Maren Kames lenken den Blick auf diese zentralen, im eigentlichen Drama jedoch bestenfalls am Rande stehenden Frauen, die den Konflikt mit ihren Eltern erleiden: das Leitthema der Theatersaison. Hinzu kommt der Text „Kassandras“ von Miru Miroslava Svolikova, der vor der Pause die Figur der trojanischen Seherin zur Repräsentantin aller warnenden Stimmen vor Krieg und Elend macht.

Dramaturgisch passt das bestens. Auf der Bühne funktioniert es in den ersten eineinhalb Stunden allerdings deutlich besser als in der zweiten Hälfte, weil Regisseurin Elsa-Sophie Jach nach der Ermordung Klytaimnestras durch ihren Sohn Orest den ohnehin sehr theorielastigen „Eumeniden“-Teil nicht mehr so zwingend anfügen kann. Hatte sie doch zuvor in der fantastisch variablen Bühne von Marlene Lockemann und den in Rot-Varianten schwelgenden Kostümen von Johanna Stenzel aus den Dialogen zwischen Chor und Protagonisten ein geradezu keckes und gleichwohl spannendes Bühnengeschehen choreografiert: „Helden“ und Gegenspieler agierten wie komödiantische Gaukler, und doch sorgten zentrale Stellen wie die Ermordung des zurückgekehrten Kriegers Agamemnon durch seine Frau für die angemessene Erschütterung. Das Spiel mit Geschlechterrollen – der weibliche Ai­ghist, die männliche Kassandra – fügte sich ein.

Nach der Pause indes erschöpfte sich der Reiz des zu Beginn so überraschende Regiezugriff, und die Entscheidung für einen großen Chor des Gymnasiums Paulinum, der als Erinnyen dem Muttermörder Orest zusetzt und die nächste Generation zeigt, war zwar sympathisch: Mit große Hingabe und großartiger Abstimmung agierten die jungen Göttinnen. Doch die Klarheit der Sprache, in dieser mikrofongestützten Produktion ohnehin nicht durchweg optimal, kam bisweilen etwas kurz.

Ein antikes Drama, dessen blutige Handlungen im zehnjährigen Krieg um Troja wurzeln, erscheint in dieser Inszenierung weniger als Reflex auf den aktuellen Krieg in Europa – diesen Aspekt setzt noch am ehesten der Kassandra-Text mit Darsteller Julius Janosch Schulte um. Stattdessen wird der alte Text (übersetzt von Peter Stein) clownesk aufgebrochen, um für Elektra (Katharina Brenner muss den vielleicht gewichtigsten Text am Ende des Abends stemmen) und Iphigenie neue Räume zu schaffen. Clara Kroneck als Iphigenie, die im abschließenden Teil auch als Athene auftritt und dem Titelhelden seinen Freispruch sichert, setzt das auf mitreißende Weise um.

Nächste Aufführungen am 3., 7. und 16. Oktober im Großen Haus

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