1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Muenster
  6. >
  7. Frauenberatungsstelle fürchtet Übergriffe im Corona-Lockdown

  8. >

Gewalt gegen Frauen

Frauenberatungsstelle fürchtet Übergriffe im Corona-Lockdown

Münster

An Feiertagen wie Weihnachten wächst die Krisengefahr in ohnehin problematischen Beziehungen und Familien, wissen die Fachberaterinnen des Sozialdienstes katholischer Frauen in Münster. Erst recht vor dem Hintergrund der zugespitzten Situation der Corona-Pandemie.

Karin Völker

Die Fachberaterinnen des Sozialdienstes katholischer Frauen fürchten ein Anwachsen häuslicher Gewalt – im Lockdown und an den Weihnachtsfeiertagen.

Es gibt in dieser Woche vor Weihachten acht grüne Flecken auf der interaktiven NRW-Landkarte im Internet-Auftritt der Landesarbeitsgemeinschaft autonomer Frauenhäuser. Hier können Frauen, die aktuell vor häuslicher Gewalt fliehen wollen, sehen, in welchen der rund 60 Schutzhäuser noch Plätze frei sind.

Sandra Bracht, Nina Kemper und Barbara Hensel schauen gerade mit Sorge auf die Entwicklung. Denn im Mai, nachdem die Corona-Restriktionen nach dem ersten Lockdown gelockert wurden, gab es innerhalb kurzer Zeit keinen einzigen freien Platz mehr in ganz NRW. „Das war ein ganz außergewöhnliche Lage“, sagt Sandra Bracht. Und auch die Nachfrage nach Gesprächen in der Beratungsstelle nahm zu.

Zum Thema

frauenberatung-muenster.de

Rasanter Anstieg nicht in Münster bestätigt

Die drei Fachberaterinnen beim Sozialdienst Katholischer Frauen (skf) in Münster fürchten, dass sich auch jetzt im zweiten Lockdown wieder die Situation in krisenbelasteten Partnerschaften zuspitzen könnte. „Wir sind während der Feiertage rund im die Uhr für Frauen erreichbar, die akut Rat und Hilfe suchen“, betont Bracht. Auf eine Statistik, die vom rasanten Anstieg häuslicher Gewalt in der Corona-Pandemie kündet, kann der skf, der in Münster zwei der drei – übrigens aktuell voll belegten – Frauenhäuser betreibt, dabei aber nicht verweisen.

Zum Thema

In der Fachberatungsstelle des skf finden Frauen an den Feiertagen rund um die Uhr Hilfe unter 0162/ 8 01 89 10, per Mail unter fachberatungsstelle@skf-muenster.de. Die Frauen-und Kinderschutzhäuser sind erreichbar unter 0251/ 13 12 50 00. Weitere Infos unter  www.frauen-info-netz.de.

Die Beraterinnen wunderten sich in der ersten Phase der Pandemie eher, wie ruhig es war. Es kamen weniger Anfragen, erinnern sich Bracht, Kemper und Hensel. Was sich hinter den verschlossenen Türen der Familien abspielte, offenbarte sich durch den Druck auf die Frauenhäuser erst Wochen später.

Zahl sogar gesunken

„Im ersten Lockdown hatten viele Frauen nicht die Kraft und den Mut, in vielfach beengten Lebensverhältnissen ohne Rückzugsmöglichkeit auch schlicht nicht die Gelegenheit gefunden, Rat und und Hilfe zu suchen“, sagt Bracht.

Das Bundeskriminalamt, das im November Zahlen zur häuslichen Gewalt im Vorjahr veröffentlicht hatte, äußerte ähnliche Vermutungen. Denn auch bundesweit zeigte die Statistik im Corona-Jahr vorerst keine dramatischen Ausschläge. In Münster beobachtete die Polizei im Zeitraum zwischen Januar und Oktober 2020 im Vergleich zu den beiden Vorjahren sogar mit 270 eine um etwa 20 Prozent gesunkene Zahl von Anzeigen wegen häuslicher Gewalt. Andreas Bode, Sprecher der Polizei Münster, geht allerdings von einem „erheblichen Dunkelfeld“ aus.

Sandra Bracht

Sandra Bracht kennt aus den Gesprächen mit den ratsuchenden Frauen den Zwiespalt: Zu der belasteten Partnerbeziehung seien für viele Frauen weitere, für die ganze Familie existenzielle Probleme hinzugekommen. Drohender oder tatsächlicher Jobverlust etwa. „In dieser Situation schieben viele Frauen die häusliche Gewalt in den Hintergrund, schrecken davor zurück, den Partner anzuzeigen."

Über die Weihnachtstage wachse in problematischen Familienverhältnissen ohnehin die Krisengefahr. Bracht: „Das dürfte sich jetzt nicht verbessert haben.“

Startseite
ANZEIGE