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G7-Treffen

Warum telefonieren die Minister nicht einfach miteinander?

Münster

Gesperrte Straßen, ein massives Polizeiaufgebot, geschlossene Geschäfte – und ein Kommuniqué, dessen Inhalt schon weitgehend feststand, bevor auch nur der erste Minister nach Münster reiste. War das den Aufwand wert? Ja, denn es ging nicht nur darum.

Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) trifft sich mit ihrem neuen italienischen Kollegen Antonio Tajani zu einem bilateralen Gespräch am Rande des Treffens der G7 Außenministerinnen und Außenminister. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Tagelang ist von den Ministerinnen und Ministern in der Stadt nichts zu sehen, sie tagen abgeschirmt im Friedenssaal, aus dem trotzt allen Bemühens zweier Hundertschaften gewiefter Journalisten aus aller Welt kaum ein Wort ungefiltert nach draußen dringt. Ein paar auffällig übereinstimmende diplomatischen Formulierungen – das wars. War das – und das obligatorische Familienfoto – den ganzen Aufwand wert?

Gegenfrage: Welchen Aufwand ist der persönliche Eindruck von einem Menschen wert, auf den man sich in wichtigen politischen Entscheidungen in Krisenzeiten und womöglich unter Zeitdruck verlassen muss? Auch das gehört zu den erklärten Zielen der G7-Konferenzen: Einmal – fast ohne Zeitdruck – hinter verschlossenen Türen mit wichtigen Persönlichkeiten der politischen Partner zusammenzutreffen. Annalena Baer­bock dürfte es als Chance gesehen haben, den neuen italienischen Außenminister Antonio Tajani näher kennenzulernen, den neuen britischen Kollegen James Cleverly und wohl auch die auch erst seit Mai im Amt befindliche Französin Catherine Colonna.

Viel Zeit für „Bilaterale Treffen“

Wie „tickt“ das Gegenüber? Wie glaubwürdig wirkt es? Wer sich ein persönliches Bild vom Gesprächspartner gemacht hat, der missversteht sich am Telefon, wo Gesten und Mimik fehlen, um das Gesagte einzuordnen, nicht so schnell. Und auch nicht in der Kommunikation per Kurznachricht, ob die nun öffentlich bei Twitter aufploppt oder privat auf dem Handy. Da ersetzt ein Emoji nur schlecht den Klang der Stimme, erst Recht nicht den Gesichtsausdruck.

Nicht nur deshalb lässt das G7-Format viel Zeit für „Bilaterale Treffen“. Baerbock traf US-Außenminister Antony Blinken. Die Bundesaußenministerin sprach mit Cleverly. Sie traf Tajani.

Bei letzteren dürfte Baerbock hinter verschlossenen Türen durchaus auch einmal vorgefühlt haben, wie hart der Anti-Migrationskurs, wie anti-europäisch die Politik der neuen extrem rechten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, deren europäisches Feigenblatt der Ex-EU-Parlamentspräsident ist, tatsächlich werden wird.

Ein Symbol der Geschlossenheit

In geschützter Runde – an einem Tisch ohne Zuhörer – lässt sich auch trefflich über Dritte reden – ob die nun Xi Jinping, Wladimir Putin oder Wolodymyr Selenskyj heißen. Warum reagiert er in dieser Weise? Was hat er missverstanden? Was vermutet er? Was will erreichen? Und wie könnten die G7 reagieren – wenn...? Das sind Gespräche, die nicht nur aus Sicherheitsfragen am Telefon nur schwer zu führen sind – und per Videocall nur wenig besser.

Vom G7-Treffen in Münster wird also nicht nur ein Kommuniqué, ein Symbol der Geschlossenheit der westlichen Welt und ein Familienfoto bleiben, sondern auch persönliche Eindrücke – und die gelten nicht umsonst als unbezahlbar.

Alle grundlegenden Informationen zum G7-Treffen in Münster finden Sie auf unserer Special-Seite. Und unter folgendem Link steht das gesamte WN-Angebot vier Wochen kostenfrei zur Verfügung: wn.de/digitalbasis

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