1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Muenster
  6. >
  7. Geflüchtete Muslime feiern Weihnachten in der Wohngruppe

  8. >

Religiöse Feste als Teil der Integration

Geflüchtete Muslime feiern Weihnachten in der Wohngruppe

Münster

Die Mitglieder der Jungenwohngruppe an der Joseph-Haydn-Straße kommen aus muslimischen Ländern. In Münster lernen sie auch die christlichen Feste kennen – und feiern beides. Das verbindet.

Es hat sich schon etabliert, dass die muslimischen Jugendlichen an Nikolaus in der Nachbarschaft von Haus zu Haus ziehen und den Kindern eine Freude machen. Foto: pd

Der große Holztisch in der offenen Essküche ist der Mittelpunkt in der Jungenwohngruppe (JWG) an der Joseph-Haydn-Straße. In der gemütlich beleuchteten Essecke finden alle acht Jugendlichen, das vierköpfige Team um Leiter Stefan Hübers und sogar noch Gäste Platz. Verschiedene arabische Speisen stehen rund um den Adventskranz, in der Ecke am Fenster ist bereits Platz geschaffen für den Tannenbaum. Zwei christliche Bräuche, die die Jungen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren bis vor Kurzem noch nicht kannten.

Als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge kamen sie aus Afghanistan, Guinea, Somalia und Syrien nach Münster. Ihre Heimat ist muslimisch, ein neues Zuhause haben sie im christlich geprägten Deutschland gefunden. Für den katholischen Träger, die Kinder- und Jugendhilfe St. Mauritz, ist laut Pressemitteilung des Bistums Münster der interreligiöse Austausch seit Gründung der Wohngruppe vor sechs Jahren ein wesentlicher Teil des traumapädagogischen Konzeptes.

„Unsere Religion wird wertgeschätzt“

„Dass wir das Zuckerfest feiern, konnte ich erst gar nicht glauben“, erinnert sich Hasib. „Unsere Religion wird hier wertgeschätzt“, findet auch Omid, der inzwischen in einer eigenen Wohnung in Münster lebt, aber regelmäßig zu Besuch kommt. „Das Zuckerfest feiern wir hier in Münster fast noch mehr als Zuhause“, sagt der 19-Jährige und erntet Zustimmung per Kopfnicken.

Wie im vergangenen Jahr (s. Bild) auch helfen die Jugendlichen aus der Jungenwohngruppe dabei, die Tannenbäume in den Kirchen der Pfarrei St. Franziskus aufzustellen. Foto: pd

„Am Anfang haben wir die religiösen Basics kennengelernt“, erinnert sich Zakaria, der mit seinem Einzug in die Wohngruppe zum ersten Mal erfahren hat, dass es verschiedene Religionen – und auch Nicht-Gläubige gibt. „Das war neu für mich“, sagt der Somalier, in dessen Heimat nahezu die gesamte Bevölkerung dem Islam angehört. Hübers erstellte zusammen mit den Jungen Karteikarten zu jedem christlichen und muslimischen Fest. Hochfeste wie das Zucker- und Opferfest oder auch Ostern und Weihnachten werden groß gefeiert. Ebenso der Ramadan, besonders das gemeinsame Fastenbrechen am Abend. Aber auch traditionelle Gedenktage wie die Geburt des Propheten oder das Nikolausfest begeht die Gruppe.

Rituale geben Sicherheit und Halt

Die sensible Auseinandersetzung mit den Unterschieden in Kultur und Religion gehört zum Gruppenkonzept. „Wir möchten Brücken bauen“, nennt Stefan Hübers, der mit den Jugendlichen in der Wohngruppe wohnt, das Ziel. Der Glaube an einen Gott könne eine Sinn-Ebene sein, „eine Ressource, die andere Menschen nicht haben“, so Hübers. Die damit verbundenen Rituale gäben Sicherheit und Halt, was besonders für traumatisierte Jugendliche für die Integration in ein neues soziales Umfeld wichtig sei.

Bevor sie nach Deutschland kamen, kannten sie Advent und Weihnachten nicht. Doch in der Jungenwohngruppe in katholischer Trägerschaft werden sowohl die christlichen als auch die muslimischen Feste gefeiert. Foto: pd

Es ist ein gegenseitiges Lernen, da sind sich alle einig. So helfen die jungen Erwachsenen regelmäßig im Klarastift aus. „Die Jugendlichen haben uns zurückgespiegelt, dass sie solche Einrichtungen für alte Menschen nicht kennen. In ihrer Heimat bleiben die Menschen bis zum Lebensende in den Familien“, gibt Betreuer Peter Reerink ein Bespiel, das ihn noch länger beschäftigt hat.

Die Vorfreude auf Weihnachten ist bei den Jugendlichen, die das Hochfest aus ihrer eigenen Religion nicht kennen, groß, heißt es weiter. In den kommenden Tagen werden die Jungen der Pfarrei St. Franziskus dabei helfen, die Tannenbäume in der Kirche aufzubauen. An Heiligabend bauen sie dann draußen vor der Tür eine Krippe auf. Nach einem Krippenspiel mit den Nachbarn wird das Weihnachtsevangelium vorgelesen – und die Verse aus dem Koran, wo die Geburt des Propheten beschrieben wird. „Wir zeigen die Gemeinsamkeiten beider Religionen“, erklärt Hübers.

Startseite
ANZEIGE