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Der Enkel von Heinrich Mann war zu Gast im Rathausfestsaal

Heimatloser und Weltbürger zugleich

Münster

Die von Wolfgang Türk ausgearbeitete, überaus ambitionierte Vortragsreihe über den Schriftsteller Heinrich Mann in Münster ist einzigartig. Uwe Naumann sprach am Sonntagmorgen im Rathausfestsaal mit Heinrich Manns Enkel Jindřich Mann über dessen neues Buch und die Familie Mann. Es war eine spannende Begegnung mit einem Weltbürger.

Von Robin Gerke

Der Filmemacher, Autor und Künstler Jindřich Mann aus Prag, Enkel Heinrich Manns, bei seiner Lesung im Rathausfestsaal. Foto: Gerke

Die bestens bestückte Reihe des Theaters Münster über Heinrich Mann hatte in den letzten Wochen bereits einige denkwürdige Ereignisse zu verzeichnen. Die seltene Gelegenheit, den einzigen Enkel des großen Schriftstellers zu treffen, bildet in dieser Aufstellung ein sicheres Highlight. Uwe Naumann sprach am Sonntagmorgen im Rathausfestsaal mit Jindřich Mann über dessen neues Buch und die Familie Mann.

Manns Tochter Leonie wurde in Forschung und Öffentlichkeit wenig beachtet. Das ändert Jindřich Mannmit seinem Buch „Prag, poste restante“, in dem er seine bewegte Familiengeschichte mit viel Liebe und Humor schildert. Dabei nimmt seine Mutter eine zentrale Rolle ein, während die väterliche Seite fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist.

Leonie war vor den Nazis in die Tschechoslowakei geflohen, um Jahrzehnte später mit ihrer Familie in den Westen zu emigrieren, nachdem die Bemühungen des Prager Frühlings ein blutiges Ende gefunden hatten. Die Spielarten von Flucht, Verfolgung und Unterdrückung illustriert Jindřich Mann mit Hilfe von Anekdoten, mit dem stets gleichen Bewegungsmuster eines Lehrers, dem Radio seiner Großmutter oder dem hauptpostlagernden Brief, der dem Buch seinen Titel gibt. Der Lehrer sollte später seinen Beruf verlieren, da er Rückgrat gegenüber den Warschauer-Pakt-Besatzern zeigte, Großmutter Mimi versuchte sich der Beschlagnahmung des Gerätes zu erwehren, den Brief konnte Jindřich Mann wegen seines Passes nie abholen. Mann zeigt sich als gekonnt unzuverlässiger Erzähler, ironisiert, rollt Erzähltes wieder von vorne auf und überlässt dem Leser, welche Version er glauben soll. Lektor Uwe Naumann, mit dessen Zusammenarbeit das Buch erschienen ist und am Sonntag das Gespräch leitete, charakterisiert dies als „deceptive innocence“ – täuschende Unschuld. Das beschreibt den subtilen Witz gut, mit dem der unaufgeregte, angenehm leise Mann in seine Welt blicken lässt. Grammatikalische Spielereien bilden die Hässlichkeiten diktatorischer Regimes ab, gestützt von scharfer Beobachtung und bedeutungsschwerer Beschreibung, wie man sie auch von anderen Mitgliedern der Familie Mann kennt. Als Last betrachtet Jindřich Mann übrigens seinen Nachnamen und die langen Schatten seiner Vorfahren übrigens nicht – ebenso wie er seiner Heimatlosigkeit – oder eben seinem Weltbürgertum – stets etwas Positives abgewinnen kann.

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