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Eröffnung der 16. Freien Gartenakademie 

Hinter dem Gartenzaun geht’s weiter

Münster

In der Freien Gartenakademie beginnt die neue Saison – und zwar verheißungsvoll.

Von Wolfgang A. Müller

Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer (l.) war Gast in Wilm Weppelmanns Gartenakademie Foto: Wolfgang A. Müller

Seit 15 Jahren weitet Wilm Weppelmanns Freie Gartenakademie ihrem Publikum den Blick auf die Welt. Der renommierte Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer öffnete nun das Törchen zur neuen Saison (Motto: „Kleiner Garten - große Welt“) mit einem beschwingten und trefflich passenden Vortrag über Wissenshorizonte und Weltbilder.

„Hinter dem Gartenzaun. Ein Blick in zwei Richtungen“, hatte Fischer, Autor zahlreicher Bücher zu Aspekten und Protagonisten der Naturwissenschaften und ihrer Geschichte sein Referat überschrieben. Wer dem Horizont als sinnlich erfassbarer Grenze zustrebt, wird nicht nur – wie auch Udo Lindenberg – bemerken, dass es dahinter immer weiter geht. Das tollste, so Fischer: Dreht man sich um, schaut man schon wieder auf eine andere, scheinbar endlose Skyline.

Gravitationstheorie

Wie Goethe, der in seinem Gedicht „Epirrhema“ bei der Betrachtung der Natur den Blick sowohl nach innen, als auch nach außen forderte, um einem „heilig öffentlich Geheimnis“ gewärtig zu werden, haben Wissenschaftler immer wieder eine doppelte Perspektive eingenommen. Die Anekdote vom Apfelbaum der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, der im Garten der Eltern Isaac Newtons seine Frucht nach dem Forscher warf, ist leidlich missverständlich, legte Fischer nahe. Masse, Kraft, Gravitationstheorie, Heureka? Newton war ahnungslos, aber der fallende Apfel brachte ihn zum Nachdenken, ausgehend vom alchemistischen Postulat, dass Unten wie Oben sei.

Albert Einstein, genialer Schöpfer der Relativitätstheorie und passionierter Kleingärtner, wagte den „doppelten Blick in den Raum und in die Zeit“. Ins Innere und auf das Äußere gleichermaßen blickte auch der Mönch Gregor Mendel, der eigentlich Physiker werden wollte, aber durch die Prüfung rasselte. Darauf begann er eine Alternativkarriere als Erbsenzähler im Klostergarten und half der Vererbungslehre auf die Sprünge. Charles Darwin wiederum, der „in der Welt draußen war und die Geschichte des Lebens gefunden hatte“ studierte im Alter die Regenwürmer auf seinem Anwesen. Von Aristoteles und Platon über Werner Heisenberg und die Quantenphysik – schließlich eine ein gemeinsames Ziel alle Forschenden: Zufriedenheit, Glück beim Erkenntnisgewinn über die Welt als „Verkörperung eines schönen Gedankens“. Keine Ent-, sondern eine Verzauberung der Natur.

Kontinuierlicher Zuspruch

Auch Kurt Tucholsky, der enge, miese, trostlose Behausungen mit der Entstehung eben solcher Charaktereigenschaften in Verbindung brachte, diente Fischer bei seinem Plädoyer für das Staunen. Da, wo der Horizont verstellt ist, kann in den Menschen und ihren Gesellschaften nichts Gutes gedeihen, ist er überzeugt: „Wer den Sternenhimmel nicht sieht, wer das Schöne in der Welt nicht sieht, wird unmoralisch.“

Das Staunen nicht verloren hat auch Wilm Weppelmann, der sich immer wieder neu über den kontinuierlichen Zuspruch seiner Veranstaltungen wundern und freuen kann. Und gleich zu Beginn erwartungsfroh seufzte: „Hach, es fängt an!“

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