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Ein bisschen poetisch und ziemlich komisch: Shakespeares „Was ihr wollt“ in Münster

Im roten Ozean der Liebeswirren

Münster

Die Gräfin ist ein bisschen gaga, der Narr spielt einen Prediger, der das Echo seiner Rede gleich mitspricht, und Heldin Viola hat die gleichen Klamotten an wie ihr Zwillingsbruder Sebastian, damit man sie für einen Mann hält: Es geht drunter und rüber bei Shakespeares „Was ihr wollt“ in Münsters Kleinem Haus.

Von Harald Suerland

Alles klar mit den zwei Paaren? Sebastian (v. l. Paul Maximilian Schulze) herzt Gräfin Olivia (Yana Robin la Baume), der Herzog (Jonas Hackmann) die männlich gewandete Viola (Rose Lohmann). Foto: Oliver Berg

Die Bühne ist „so’n Globe für Arme“. Das sagt nicht etwa ein böswilliger Betrachter, sondern Sebastian, eine der Hauptfiguren in William Shakespeares „Was ihr wollt“. Denn Ausstatter Valentin Baumeister hat ein stählernes Gitterrund nach dem Umriss des legendären Globe-Theaters auf die Bühne gestellt, das einerseits zu Kletterpartien einlädt – und das andererseits eine von roten Rosenblättern gefüllte Spielfläche im Kleinen Haus umschließt. Immer neue Blätter rieseln während der gut zweieinhalbstündigen Aufführung herab und erzeugen in der fantastisch wechselnden Lichtregie einen Schauplatz purer Poesie.

Die allerdings wird kräftig konterkariert von einer Regie, in deren Zentrum Shakespeares Possen stehen und sie mit einer Fülle von Pointen anreichern. Julia Prechsl setzt die Zwillinge Viola und Sebastian, dem Ozean entronnen und getrennt voneinander gestrandet, einem dauerhaften Staunen über die seltsamen Liebeshändel im fremden Illyrien aus. Sie nutzt die kecke Übersetzung von Jürgen Gosch und Angela Schanelec, um vor allem Viola über die eigene Rolle und das Stück, in dem sie sich befindet, stutzen zu lassen. „Nee, nä?“ oder „Was soll’n das jetzt!“ sind Bestandteile ihres Ausdrucksrepertoires, während Sebastian später raunt „Das muss ich jetzt erst mal auf mich wirken lassen!“ Er meint die Kirchen in Illyriens Provinznest „Ynster“, die er als eine Art Beuys für Arme auf seinem Zeichenblock verewigt.

Die Albernheiten einer Geschichte, in der Viola als Mann verkleidet einem Herzog dient und als dessen Liebesbote unfreiwillig das Begehren der angeschmachteten Gräfin Olivia auf sich zieht, sind der Regisseurin höchst willkommen. Sie lässt besonders mit dem von Nicola Lembach virtuos verkörperten Kletter-Zauber-Narren die Gags nur so prasseln – grandios die Echo-Rede. Für das komische Paar Sir Toby und Sir Andrew warten Regine Andratschke und Frank-Peter Dettmann mit fabelhaftem Timing auf. Gelegentlich, etwa in den Liedern oder dem Gelbe-Socken-Auftritt des ansonsten so wunderbaren „Malvolio“ Christian Bo Salle, schießt diese dralle Komik etwas übers Ziel hinaus.

Die konventionellste Figur des geradezu entfesselt agierenden Ensembles ist der liebeskranke Herzog des Jonas Hackmann: Er leidet, wie gelitten werden muss. Als Objekt seiner Begierde darf Yana Robin la Baume eine Gräfin Olivia geben, die nicht in holder Hübschheit erstarrt, sondern wie eine illyrische Gaga-Lady den scheinbaren Brautwerber Viola umgarnt, bis sich zum guten Schluss der Zwillingsbruder Sebastian als die passendere Partie einfindet – und die geoutete Viola ihrerseits beim Herzog an der richtigen Heiratsadresse ist. „Ich hab da was vorbereitet“, zwitschert Gräfin Olivia und holt die Hochzeitskränze, bevor sich zum Abschlusslied des Narren über Wind und Regen die beiden Paare in allen Konstellationen knutschen: Hier ist nicht wirklich klar, wer denn mit wem am besten könnte.

Genau auf diese Wirrnis der Rollen und Geschlechter zielt der poetische Kern von Julia Prechsls Inszenierung: Der leuchtende Schriftzug „Drown in my Ocean“ über der Spielfläche verrät, dass alle in diesem rosenroten Ozean der Liebeswirren ertrinken können. Was in Münster weitergesponnen wird: Rose Lohmann, die als Viola so hinreißend staunt, stutzt und schwärmt, übernimmt in jeder zweiten Aufführung die geschrumpfte Rolle des Zwillingsbruders Sebastian, und Paul Maximilian Schulze darf dann die Frau spielen, die sich als Mann ausgibt.

Die hier besprochene „Wind“-Version zeigt Rose Lohmann als Viola, in der „Regen“-Version spielt Paul Maximilian Schulze die Rolle. Die nächsten Termine: „Wind“ am 11. und 17. November, „Regen“ am 13. und 19. November

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