1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Muenster
  6. >
  7. In ihren Händen steht viel Zukunft

  8. >

„Faszination Wissenschaft“ von Herlinde Koelbl im Stadtmuseum

In ihren Händen steht viel Zukunft

Münster

Weltfremde Nerds im Elfenbeinturm – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben einen eigentümlichen Ruf. Warum? Weil sie kaum jemand kennt. Das ändert sich jetzt mit Herlinde Koelbl.

Von Gerhard H. Kock

„Faszination Wissenschaft“: Herlinde Koelbl neben den Fotos der Meeresforscherin Antje Boetius und des KI-Forschers Bernhard Schölkopf. Foto: Gerhard H. Kock

Das Covid-19-Virus wurde erstmals im Dezember 2019 im chinesischen Wuhan beschrieben. Im Dezember 2020 ist der von den deutschen Forschern Uğur Şahin und Özlem Türeciin entwickelte innovative Impfstoff dagegen zugelassen worden. Nur ein Jahr später! Unsere Vorfahren hätten vor Freude gejubelt. Warum wir nicht? Stattdessen nahmen Ignoranten und Leugner breiten Raum in der Öffentlichkeit ein. Herlinde Koelbl hat das nicht ahnen können, als sie 2015 das erste Interview für ihr Projekt „Faszination Wissenschaft“ führte. Aber ihre „60 Begegnungen mit wegweisenden Forschern unserer Zeit“ sind ein Leuchtturm der Aufklärung, den die Friedrich-Hundt-Gesellschaft bis zum 5. Februar im Stadtmuseum Münster zeigt.

Herlinde Koelbl hat die weltweit renommiertesten Naturwissenschaftler besucht, mit ihnen Interviews geführt, die in ihrem Buch „Faszination Wissenschaft“ nachzulesen sind – eine kurzweilige, spannende und anregende Lektüre. Die Fotografin hatte zudem zwei Bitten an die Männer und Frauen: Zum einen, die Formel oder die Essenz ihrer Arbeit auf die Handinnenfläche zu schreiben, und zum anderen, den „Spickzettel“ in der Nähe des Kopfes zu platzieren. Das Ergebnis: Lauter Menschen, die einen freundlich bis selig anblicken. Nichts von weltfremdem Labor-Nerd oder überheblichem Ordinarius. Koelbl zeigt Menschen, mit denen man gerne mal Urlaub machen und von denen man sich die Welt erklären lassen möchte.

Humor

Dass sich Nobelpreisträger ihre weltberühmte Forschung in kürzester, teils humorvoller Weise auf die Handfläche schreiben, lässt Hemmungen vor deren Bedeutsamkeit fallen. Hier begegnen dem Betrachter neugierige Menschen, die mit Beharrlichkeit und Leidenschaft Fragen an die Wirklichkeit stellen. Oder wie es der Physiker Ron Naaman ausdrückte: „Ich wollte herausfinden, was Gott versucht vor uns zu verstecken.“

Wie nebenbei bekommt der Leser des Buches und Betrachter der Fotos ein Gespür dafür, wie Wissenschaft, vielleicht sogar Leben selbst lebendig bleibt. Aaron Ciechanover (Biochemiker): „Ich glaube nicht, was andere sagen. Ich überprüfe es immer selbst.“ Sallie Chisholm (Meeresbiologin): „Je mehr Antworten man findet, desto mehr Fragen hat man.“ Sangeeta Bhatia (Biotechnikerin): „Der springende Punkt in der Wissenschaft ist die geistige Freiheit.“ Antje Boetius (Meeresforscherin): „Du musst dem Zufall eine Chance geben.“ Emmanuelle Charpentier (Mikrobiologin): „Im Leben gibt es nicht nur den einen Weg.“

Außerdem ermöglicht die Ausstellung einen einmaligen Überblick über aktuelles Wissen: Man begegnet dem „Vater der Quantenphysik“ Anton Zeilinger, erfährt durch Christiane Nüsslein-Volhard, wie Gene bei der Gestaltbildung im Embryo mitwirken, oder verfolgt mit dem Chemiker Tao Zhang, wie man als Ersatz für Erdöl und Erdgas entsprechende Chemikalien aus Biomasse gewinnt. Es steckt viel Zukunft in dieser Ausstellung.

Leidenschaft

Ans Ende des Bilderreigens hat Koelbl ein Zitat des Wissenschaftshistorikers Myles Jackson (neben Hermann Parzinger der einzige Geisteswissenschaftler) gestellt: „Verfolge deine Leidenschaft und gib mehr zurück, als du bekommen hast!“ Wer das Staunen nicht verlernt hat oder es wieder erleben möchte, der sollte dringend in diese Ausstellung im Stadtmuseum gehen, die dank einer Kooperation mit der Westfälischen Wilhelms-Universität über ein informatives und unterhaltsames Begleitprogramm verfügt.

Die Ausstellung wird am Freitag (11. November) um 16 Uhr im Stadtmuseum eröffnet. Herlinde Koelbl spricht mit Prof. Dr. Hermann Parzinger (Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz) und Prof Dr. Johannes Wessels (Rektor der WWU).

Startseite
ANZEIGE