Welttag der Orang-Utans

Intelligent, raffiniert – und bedroht

Die Orang-Utans gehören zu den Superstars des Allwetterzoos. In ihren natürlichen Lebensräumen wächst jedoch die Sorge um den Fortbestand dieser Menschenaffen. Notizen über ein außergewöhnliches Tier am Welttag des Orang-Utans.

Annegret Schwegmann

In Münster leben derzeit fünf Orang-Utans und teilen sich das Gehege mit vier Zwergottern. Auch in der Natur haben sie denselben Lebensraum. Foto: Sebastian Rohling/Allwetterzoo

Die Orang-Utans wollen partout nicht das Innengehege betreten. Das war zu erwarten. Vier Wochen lang herrschte eine geradezu gespenstige Stille. Und nun sind die vier Zwergotter, die ihren Lebensraum friedlich mit ihnen teilen, nach einem Gesundheits-Check-up zurückgekehrt und werden vermutlich wieder einmal versuchen, einen Teil der Paprika-Ration, die eigentlich für die fünf Menschenaffen bestimmt ist, zu ergattern. Und das aus purer Lust am Klamauk. In der Natur würden Zwergotter Gemüse kaum anrühren. Im Zoo jedoch sind sie zu Teilzeit-Vegetariern geworden.

Ein paar Meter entfernt sitzt Dr. Simone Schehka in ihrem Büro und erzählt von einer Orang-Utan-Welt, die ganz anders ist als die weitgehend entspannte in den Zoos Europas. Auf der Welt leben drei Arten dieser Menschenaffen – zwei auf Sumatra und eine auf Borneo. Forscher haben hochgerechnet, dass in der Zeit von 1950 bis 2025 rund 82 Prozent der Borneo-Bestände nicht mehr existieren werden. Viele Zoologen und Tierschützer befürchten, dass Orang-Utans in wenigen Jahrzehnten nur noch in Tierparks zu sehen sein werden. Die Direktorin des Allwetterzoos Münster gehört nicht zu ihnen – oder möchte es einfach nicht. „Ich bin Optimistin“, sagt sie. „Ich habe meinen Glauben daran, dass der Orang-Utan zu retten ist, noch nicht verloren.“ So ein Welttag wie der, der am 19. August dem Orang-Utan gewidmet ist, schürt zumindest ein Fünkchen Hoffnung.

Als gäbe es den Klimawandel nicht

Dieses Fünkchen Hoffnung ist bitternötig. Orang-Utans leben in Regenwäldern. Und gerade die werden noch immer so unbekümmert abgeholzt, als sei der Klimawandel nur die fixe Idee einiger Verschwörungstheoretiker. Die Palmölplantagen, die als Monokulturen an die Stelle der Regenwälder rücken, sind der Tod eines gewaltigen Ökosystems und zugleich bares Geld. „Palmölpflanzen sind hoch ertragreich“, sagt die 42-jährige Biologin. Andere Pflanzen enthalten nur einen Bruchteil des Ölgehaltes und brauchen obendrein viel mehr Fläche, um vergleichbare Erträge zu erzielen. Das Palmöl wird in die ganze Welt exportiert und findet sich in fast jedem Haushalt wieder – sei es als Putzmittel, Lippenstift oder Nuss-Nougat-Aufstrich. Helfen kann nur ein Bewusstseinswandel – und zwar ein umfassender.

„Immerhin gibt es Teilerfolge“, meint Simone Schehka. Mehrere Organisationen haben sich zu einem Round Table zusammengeschlossen und werben für nachhaltige Konzepte. Verbraucher würden kaum rebellieren, wenn ihre Margarine künftig einen Cent mehr kosten würde, weil ein Teil ihrer Zutaten von Plantagen kommt, auf denen auch andere Pflanzen wachsen und die Nährstoffe der Böden nicht komplett aufsaugen. Forscher suchen zugleich nach Möglichkeiten, Palmölpflanzen zu entwickeln, die kein ausschließlich tropisches Klima brauchen. Den Regenwäldern käme das zugute. Und den Orang-Utans auch.

Menschenaffen sind uns erstaunlich ähnlich

Die fünf Menschenaffen im Allwetterzoo haben sich mittlerweile beruhigt und genießen die Sonne und ihre erste Mahlzeit. Temmy beißt in ein Stück Banane. Die Tierpfleger haben ihre Rationen reduzieren müssen. Temmy heißt im Allwetterzoo auch „unsere Donnerkugel“ – das Weibchen neigt zu Gewichtsproblemen. Die Tierpfleger müssen allerdings vorsichtig sein, wenn sie Temmy auf Schmalkost setzen. „Sie bekommt dann schlechte Laune.“ Die Zoo-Direktorin lacht. „Würde uns ja genauso gehen.“

Ohnehin weisen Affen immer wieder eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Menschen auf. Sie verfügen über eine hohe Intelligenz und gehen strategisch vor. Ein Beispiel: Durch einen Zufall waren die Orang-Utans vor ein paar Jahren an eine Eisenstange gelangt, die Simone Schehka – damals noch als Kuratorin für die Menschenaffen zuständig – unbedingt aus dem Gehege holen wollte. Sie bot den Tieren ein Tauschgeschäft an und ließ den kleinen Vierkant an ihrem Schlüsselbund als Sinnbild für die große Eisenstange klirren. Als Ersatz für die Stange bot sie die einzige Banane an, die sie im Kühlschrank gefunden hatte. „Sie wollten mir alles geben. Stöckchen, Karotten – nur nicht die Stange.“ Simone Schehka kehrte zum Kühlschrank zurück und wollte gerade die Banane zurücklegen, als sie ein Klirren an der Scheibe hörte. Mandi, eines der Weibchen im Gehege, hatte offenbar begriffen, dass alle anderen Optionen ausgereizt waren und die Banane nur im Tausch mit der Stange zu bekommen war.

Mandi ist ein typisches Beispiel für das Europäische Erhaltungsprogramm für Menschenaffen (EEP), für das die Zoodirektorin als zweite Vorsitzende arbeitet. Mandi kommt aus Frankreich und hat in Münster bereits ein Junges bekommen. Das EEP unterstützt Nachzuchtprogramme, berät zoologische Gärten, die Gehege anlegen oder ihr Bildungsprogramm verändern wollen. Die Tierparks werden die Bestände stabil halten können. Und wenn ein Wunder geschieht, gilt das auch in den natürlichen Lebensräumen.

Das Wunder müsste allerdings ein sehr großes sein.

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