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Stadtwerke-Bilanz in der Corona-Krise

Investition von 500 Millionen Euro geplant

Münster

Größer könnten die Herausforderungen für die Stadtwerke Münster kaum sein angesichts von Pandemie und Energiewende. Und doch ist Luft für die Investition von fast einer halben Milliarde Euro in den nächsten zehn Jahren. Das klingt spannend.

Von Dirk Anger

Das Stadtwerke-Kraftwerk im Hafen erzeugte 2020 wegen eines Generatorenschadens deutlich weniger Strom. Die Gas- und Dampfturbinen-Anlage gilt ohnehin nur noch als Brückentechnologie. Foto: Matthias Ahlke

Sie gelten als städtisches Tafelsilber und erfüllten im abgelaufenen Jahr 2020 trotz Corona ihre finanziellen Erwartungen: Mit einem Jahresüberschuss von 11,3 Millionen Euro bleiben die Stadtwerke ein verlässlicher Pfeiler in der Finanz-Architektur Münsters. Überdies ist ihnen auf dem Weg zu einem klimaneutralen Münster eine bedeutende Rolle zugedacht.

In den Haushalt der Stadt hat das kommunale Versorgungsunternehmen bereits im vergangenen Dezember 6,5 Millionen Euro als Vorab­gewinnausschüttung überwiesen. Mit den übrigen 4,8 Millionen Euro stärken die Stadtwerke ihre Eigenkapitalquote (44,9 Prozent) – angesichts der Herausforderungen durch Energie- und Mobilitätswende sowie Digitalisierung sei das wichtig, wie Sebastian Jurczyk, Vorsitzender Geschäftsführung, betont. „Wir werden knapp 500 Millionen Euro in der nächsten Dekade investieren.“ Und je wirtschaftlich solider ein Unternehmen dasteht, umso bessere Bedingungen bekommt es für die benötigten Kredite.

„Solide Zahlen“ trotz Corona

Corona habe die Stadtwerke nicht abgehalten, „solide Zahlen“ vorzulegen, sagt Jurczyk. Dabei haben nach seinen Worten eigene Budget-Einsparungen von knapp fünf Millionen Euro geholfen, aber auch der ÖPNV-Rettungsschirm sowie aufgelöste Rückstellungen und gedrosselte Investitionen.

Vor allem im Bereich der Stromabgabe und im Busverkehr wurden die Stadtwerke indes vom Corona-Effekt erfasst. Ein Minus von 4,2 Prozent beim Strom führte Jurczyk etwa auf geschlossene Geschäfte und Gastronomie zurück. Erfreulich aus Stadtwerke-Sicht: ein wie in den vergangenen Jahren gesteigerter Absatz von Ökostrom.

Fahrgastzahlen im Busverkehr eingebrochen

Dramatisch eingebrochen im Zuge der Pandemie sind die Fahrgastzahlen im Busverkehr: 30,9 Millionen Fahrgäste im vergangenen 2020 bedeuten einen Rückgang von 37 Prozent im Vergleich zum Jahr zuvor. Dadurch sei der Kostendeckungsgrad im Nahverkehr um 1,5 auf 67 Prozent gesunken, sagte Mobilitäts-Geschäftsführer Frank Gäfgen. Auf Fahrgastzahlen wie vor Corona hofft man im Jahr 2022. Bis 2029 soll die gesamte Busflotte mit Strom oder Wasserstoff angetrieben werden.

Und auch bei der Digitalisierung ist Großes geplant: „Bis 20203 bringen wir 160 000 Haushalte ans schnelle Glasfasernetz“, sagt Jurczyk voraus.

Langer Atem bei Wärmewende gefragt

Bis zum Jahr 2030 wollen die Stadtwerke alle Privatkunden mit Ökostrom aus eigenen Anlagen versorgen. Zur Installation neuer Photovoltaik-Dachanlagen setzt das Unternehmen auf eine Kooperation mit der Wohn- und Stadtbau sowie auf Bürgerbeteiligungsmodelle. Zugleich soll die Zahl der Windenergieanlagen verdoppelt werden. Bei der erneuerbaren Wärme setzt das Unternehmen auf einen regenerativen Erzeugungsmix, unter anderem mit Geo-und Solarthermie sowie Wärmepumpen. Dafür braucht es aber einen langen Atem: „Die Stromwende hat 25 Jahre gebraucht und ist noch nicht final durch“, so Stadtwerke-Geschäftsführer Jurczyk. Die Wärmewende sei realistisch nicht in der Hälfte dieser Zeit zu schaffen. 

Kommentar: Die Richtung stimmt

Münster hat sich politisch die Klimaneutralität bis zum Jahr 2030 an die Fahnen geheftet. Dass bei einem solchen Vorhaben die Stadtwerke als Energie- und Wärmeversorger im Boot sind, liegt auf der Hand. Umso mehr bringt deren Expertise Klarheit darüber, ob dieses politische Ziel im gesteckten Zeitrahmen überhaupt erreichbar ist.

Die Antwort lautet nein, wenn man den unaufgeregten Worten von Stadtwerke-Chef Sebastian Jurczyk folgen will. Wärme unter Verzicht auf die Verbrennung von Kohle, Erdgas oder Öl zu produzieren, geht nicht von heute auf morgen – und die Dekarbonisierung wird auch in zehn Jahren noch nicht gänzlich vollzogen sein. Das mag man mit Recht bedauern und sich gleichwohl angespornt fühlen, hier noch mehr zu tun. Aber es macht wenig Sinn, derlei Erkenntnis auszublenden.

Die Stadtwerke wollen die erneuerbaren Energien weiter ausbauen, räumen bei Mobilität dem Klimaschutz Vorrang ein. Die erst seit 2019 agierende Geschäftsführung vermittelt diesen Kurs glaubhaft wie im Bild nach außen erfreulich harmonisch. Der eingeschlagene Weg am Hafenplatz führt jedenfalls in die richtige Richtung.

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