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Sinfoniekonzert in Münster: Nach Saitenriss griff Alena Baeva zum hingehaltenen Ersatz-Instrument

Konzert mit fliegendem Geigen-Wechsel

Münster

Spektakuläre Geistesgegenwart bewies die international gefragte Geigerin Alena Baeva beim Sinfoniekonzert in Münster, als plötzlich eine Saite ihrer Guarneri del Gesù riss! In gefühlten Millisekunden griff Baeva ans Orchesterpult der 1. Geigen, wo ihr Maia Shamugia blitzschnell ihr eigenes Instrument entgegenhielt. So konnte Baeva Prokofjews 2. Violinkonzert virtuos beenden.

Von Christoph Schulte im Walde

Musste im Finale spontan auf einer fremden Geige weiterspielen und schaffte das perfekt: Foto: pd

So sehr es auch beschwingt, luftig und nach Leichtigkeit klingt, Sergej Prokofjews 2. Violinkonzert g-Moll ist und bleibt durch und durch ein echtes Virtuosenstück, das es in sich hat. Auch wenn diesem Dreisätzer das Etikett der „Neuen Einfachheit“ anklebt. Was vielleicht für die Themenfindung des Komponisten oder die formale Struktur gilt, kehrt sich für die Interpreten ins Gegenteil um. „Leicht“ ist hier gar nichts. Vielmehr präsentierten Alena Baeva und das Sinfonieorchester Münster beim Konzert am Dienstag eine bravourös gemeisterte Erkundung effektvoll arrangierter Kontraste. Und geradezu spektakuläre Geistesgegenwart bewies die international gefragte Geigerin kurz vor Ende des Finales, als plötzlich eine Saite ihrer Guarneri del Gesù riss! In gefühlten Millisekunden griff Baeva ans Orchesterpult der 1. Geigen, wo ihr Maia Shamugia blitzschnell ihr eigenes Instrument entgegenhielt. Fliegender Wechsel sozusagen – und hin­ein ging’s in den Orkan der fulminanten letzten Takte, als sei nichts geschehen! Wer hat dergleichen schon einmal erlebt?

Prokofjews 2. Violinkonzert steht etwas im Schatten vieler anderer Werke des Meisters. Zu Unrecht, denn hier entfalten sich etliche musikalische Eingebungen, bisweilen überraschend wie etwa im zweiten Satz. Hatte Prokofjew da etwa Bach im Ohr? So klang es jedenfalls. Bis zu jenen koboldhaft tänzelnden Stellen, die sich mit den barock anmutenden liedhaften Phrasen verschlingen und orchestralen Schmelz entwickeln. Raffiniert!

Ohne das typische Prokofjew-Temperament kommt dieses Violinkonzert – bei aller „Neuen Einfachheit“ - natürlich auch nicht aus. Alena Baeva erklomm im finalen Allegro-Satz zusammen mit Daniel Huppert am Dirigentenpult diesen steilen Gipfel souverän. Daran konnte auch keine gerissene Saite etwas ändern!

Aber was machen zerrissene Gefühle mit einem Komponisten? Einem wie Peter Tschaikowski? Dessen Vierte gilt ja gemeinhin als Ausdruck des Leidens an den gesellschaftlichen Zwängen seiner Zeit, in der gelebte Homosexualität tabu war. Und natürlich hört man in dieser Sinfonie Wut, Verzweiflung, Klage, sogar auch immer wieder mal Hoffnung, ja Fröhlichkeit. Biografisches halt. Aber so schreiben auch heterosexuelle Komponisten. Vielleicht wird gerade in dieses Werk zu viel „hineininterpretiert“. Insofern war es überaus wohltuend, wie unpathetisch Daniel Huppert diese Partitur dirigierte. Er nahm ihr nicht das Geringste an Intensität und Dramatik, an romantischem Schmelz – vermied aber jedes Pathos, jede Übertreibung oder Beschwörung eines „Schicksals“. Huppert, Chef der Bergischen Symphoniker, kostete aus, was in den Noten steht: wunderbare Soli der Bläser, spritzig-witzige Pizzikati der Streicher, markerschütternde Blech-Attacken und so weiter. Ein rundherum überzeugendes Kunstwerk, das gut und gern ohne irgend ein „geheimes“ Programm auskommt, stattdessen ganz aus sich heraus Wirkung erzielt. Das Publikum reagierte, wie schon bei Alena Baeva, mit schäumendem Applaus.

Das Konzert wird am Sonntag, dem 23. Januar, um 18 Uhr wiederholt.

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