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Laufrad Marke "Eigenbau"

87-Jähriger baut sich Gehhilfe selbst

Münster

Ludger Schilgen, ehemaliger Facharzt für Orthopädie, ist mit seinen 87 Jahren eigentlich topfit – nur die Knie machen beim Gehen Probleme. Doch der erfinderische Tüftler und passionierte Fahrradfahrer hat einfach selbst für Abhilfe gesorgt.

Ludger Schilgen aus der Münsteraner Hittorfstraße und seine Frau fallen zuweilen auf, wenn sie gemeinsam zu Fuß unterwegs ist. Während Evelyn Schilgen wie viele andere Seniorinnen und Senioren mit Unterstützung eines herkömmlichen Rollators einkauft oder die Eisdiele um die Ecke besucht, vertraut ihr Mann einer eher ungewöhnlichen Gehhilfe: Einem Laufrad Marke „Eigenbau“. Foto: Ruth Bremberger

Ludger Schilgen von der Hittorfstraße und seine Frau fallen zuweilen auf, wenn sie gemeinsam zu Fuß unterwegs sind. Während Evelyn Schilgen wie viele andere Seniorinnen und Senioren mit Unterstützung eines herkömmlichen Rollators einkauft oder die Eisdiele um die Ecke besucht, vertraut ihr Mann einer eher ungewöhnlichen Gehhilfe – einem Laufrad Marke „Eigenbau“.

„Ich bin glücklicherweise noch ziemlich fit für mein Alter. Nur meine Knie kann ich nicht lange belasten, abwechselndes Gehen und Stehen, das funktioniert nicht mehr so gut“, meint der 1934 geborene Mediziner, früherer Facharzt für Orthopädie und daher mit der Erhaltung menschlicher Mobilität bestens vertraut.

Die 87 Jahre möchte man ihm zunächst nicht abnehmen, er wirkt deutlich jünger und ist auch geistig noch sehr rege. Fahrräder und das Fahrradfahren gehören zu seinem Leben, während seiner Freiburger Studienjahre in den 1950er-Jahren gewann er badische Rennrad-Meistertitel sowohl im Vierermannschaftsfahren als auch in der Einzelwertung.

„Alterspräsident“ unter den Rennrad-Enthusiasten

Heute noch ist er als „Alterspräsident“ in einer Gruppe mit anderen Rennradenthusiasten regelmäßig in der Region unterwegs und spult mit dem Rennrad dabei wöchentlich um die 200 Kilometer ab. Im Juni 2019 hat er an der legendären „Vätternrundan“ teilgenommen, dem längsten europäischen Jedermann-Radrennen über 300 Kilometer rund um Schwedens größten Binnensee. Vielen reiferen und verkehrspolitisch interessierten Radlern in der Region ist Schilgen außerdem als Gründungspionier des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) im Münsterland Anfang der 1980er-Jahre ein Begriff; die Eheleute Schilgen hatten bereits im September 1980 einen Mitgliedsausweis, nachdem der ADFC e.V. am 27. September 1979 in Bremen gegründet worden war.

Abhilfe für die Knieprobleme

Kein Wunder also, dass Ludger Schilgen mit zunehmenden Knieproblemen auf außergewöhnliche Abhilfe sann: „Die Laufrädchen für unsere ganz Jungen siehst Du oft auf der Straße – das geht doch eigentlich auch für Ältere – so etwas kannst Du Dir selbst zusammenschrauben“, dachte er sich.

Schließlich kaufte er ein herkömmliches leichtes Kinderrad, entfernte die Kette, schraubte die Pedalen ab, nahm Tretlager und das Kettenrad weg, montierte einen passenden Sattel auf eine verlängerte Sattelstange und fand in seinem Keller noch einen passenden Vorbau eines Rennradlenkers. Eine gute Felgenbremse vervollständigte die Ausstattung. Alle diese herkömmlichen Komponenten ergaben eine preiswerte, an seine Körpergröße und sein Gewicht angepasste Gehhilfe, die obendrein ohne Schwierigkeiten ein Stückchen getragen oder auf einer Kaufhausrolltreppe mitgenommen werden kann.

Mit dem Laufrad ins Museum

„Das Laufrädchen habe ich mit Zustimmung des Aufsichtspersonals auch schon mal im Museum eingesetzt“, erinnert sich Schilgen und schmunzelt. Positive Rückmeldungen hat er schon oft bekommen. „Viele gucken im ersten Moment ein wenig verdutzt. Es wird dann auch schon mal gefragt, wo man sie herbekommt. Wenn ich beschreibe, wie ich meine Idee umgesetzt habe, ernte ich keinen Spott, sondern Anerkennung“, sagt der Tüftler.

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