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Interview

Lebenshaltung Clown: Wolfgang Konerding über sein Alter Ego Fidelidad

Münster

Eigentlich wollte er kein Clown sein. Doch manchmal bahnt das Schicksal sich seinen Weg. Wolfgang Konerding erzählt, wie er Kinder und Erwachsene als Clown zum Lachen bringt. Von Tim Schaepers

Mit der Schauspielausbildung hat es nicht geklappt – ein Glück für die zahlreichen Kinder, die Clown Fidelidad zum Lachen gebracht hat Foto: pd

Herzlichen Glückwunsch zum 40-jährigen Bühnenjubiläum! Manegenjubiläum, um genau zu sein. Clowns lieben die Manege. Deswegen sage ich immer Manegen-Mayonnaisen Jubiläum. Wobei auch Bühnenjubiläum bei mir zutrifft. Ich mache Kindertheater und verorte meine Anfänge durchaus im Theater. Mein Clownsweg hatte sehr viel mit Theater zu tun.

War es schon immer dein Wunsch, ein Clown zu werden? Nein. Ich bin eher ein Spätberufener. Vor 40 Jahren ist die Figur entstanden und als ich hauptberuflich Clown wurde, erinnerte ich mich an eine Begebenheit aus meiner Kindheit. Als ich mit vier Jahren von meiner Tante an Karneval zum Clown geschminkt wurde, wollte ich das gar nicht. Mein Zwillingsbruder hat sich als türkischer Maharadscha schminken und verkleiden dürfen. Meine Tante sagte: „Nein, du wirst Clown!“ Dabei wäre ich auch lieber Maharadscha gewesen. (lacht)

Wolfgang Konerding

Also hat deine Tante deinen Weg maßgeblich geebnet?
Sie hat immer ein gutes Gespür für mich gehabt. Als Kind war ich immer sehr temperamentvoll und habe schon immer gerne Rollenspiele gemacht. Die Tante war dann später auch sehr wichtig für mich, weil sie meine Ausbildung in Paris ermöglicht hat.

In Paris hast du eine Ausbildung zum Clown gemacht?
Nachdem ich in Münster angefangen hatte, Straßentheater zu machen – damals hießen wir „Das Hinz-und-Kunz-Theater“ –, wollte ich länger etwas lernen und nicht nur von Workshop zu Workshop in Karlsruhe, Berlin, Essen, Dortmund und so weiter. In Münster absolvierte ich im Rahmen meines Studiums im Kreativhaus mein Anerkennungsjahr als Sozialpädagoge. Dann versuchte ich Schauspieler zu werden, war aber schon 25 Jahre alt. Damit gilt man für viele Schauspielschulen als zu alt.

Aber wie das Leben so spielt, hat es nicht sollen sein. Wie bist du dann nach Paris gekommen? In Berlin, bei einem Workshop, habe ich Monika Pagneux aus Paris kennengelernt, die damals eine Koryphäe war. Sie hatte unter anderem bei Peter Brook in Paris das Schauspieltraining gemacht. Und sie sagte zu mir: „Wölfchen, du kommst mit nach Paris!“ Zwei Jahre später war ich da und habe etwa zweieinhalb Jahre gelernt und insgesamt dreieinhalb Jahre dort gelebt.

Was genau hast du da gelernt? War es eine reine Ausbildung zum Clown?
Nein, das nicht. Es war eine sehr breit gefächerte Ausbildung, die „Éducation de corporelle“ hieß. Monika war mit Philippe Gaullier zusammen, dem Clownslehrer. Er gab Workshops zum Clown, zum Bouffon, zum Spiel, zum Maskenbau – eben die elementaren Grundsteine der Clownerie. Die beiden waren also die Professoren und die Schüler kamen aus der ganzen Welt, um bei ihnen zu lernen.

Quasi ein Schmelztiegel für darstellende Künste?
Ganz genau. Es war international und sehr toll, dass ich als der Provinzclown aus Münster dort lernen durfte. Immerhin in einer Großstadt wie Paris. Ich konnte mich messen und schauen, ob ich auch im Ausland klarkomme.

Ist da auch die Figur Fidelidad geboren? Übrigens: Wie spreche ich es richtig aus? Ich bin mir unsicher.
So wie die Kinder es gerade sagen. Man kann den Namen aussprechen, wie man möchte.

Das finde ich gut.
Die Geschichte der Figur fing an, als ich noch mit meinem Freund Mathes das Clowns-Duo im Hinz-undKunz-Theater war. Er war Heinz Kunz Akrobatikus, ich war Heinz Kunz Musikus und habe in der Zeit begonnen, auch Soloshows zu machen. Mathes ist dann nach Brüssel und ich nach Paris gegangen. Den Namen wollte ich ablegen, da eine neue Etappe für mich begann, und ich suchte nach einem neuen.

Hat Fidelidad eine besondere Bedeutung, ist es der melodische Klang oder warum hast du dich so genannt? Ich hatte ein Buch von García Márquez, „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“, habe es aufgeschlagen und blind mit dem Finger hineingetippt. Da stand „Fidelidad“. Im Buch ist es ein Dampfschiff auf dem Amazonas.

Das ist eine schöne Anekdote. Glück gehabt, dass du nicht auf „Cholera“ getippt hast.
Clown Cholera wollte ich mich nicht nennen. (lacht)

Hattest du Clowns-Vorbilder in deiner Kindheit oder Jugend?

Um ehrlich zu sein: nein. Clowns haben mich wirklich nicht interessiert. Lustigerweise habe ich mit 16, 17 Jahren viel Jugendarbeit bei den Pfadfindern gemacht – echt tolle Pädagogik und super Leute. Jedenfalls machten wir damals ein Zirkusprojekt und welche Rolle habe ich gespielt? Den Clown. Zu dem Zeitpunkt hätte ich nie geahnt, dass ich jemals im Leben hauptberuflich Clown würde.

Sprichst du in deiner Rolle als Fidelidad oder bist du ein stummer Clown?
Ich bin ein wortgewandter Mensch, aber in der Manege versuche ich, so wenig wie möglich zu sprechen. Das ist eine große Herausforderung für mich. Ich setze die Sprache zwischenzeitlich ein und merke dann schnell, dass ich mich zurücknehmen möchte. Meine Diplomarbeit habe ich über das Thema „Sprachloses Theater als Möglichkeit ganzheitlicher Persönlichkeitsentfaltung“ geschrieben und konnte mein Theater auf einem hohen intellektuellen Niveau reflektieren. Im Kern handelte die Arbeit davon, dass wir uns viel stärker über unsere Mimik und Gestik ausdrücken können. Das ist für einen Clown eine Chance, die Menschen daran zu erinnern, dass der Körper mit seiner Haltung, seinen Blicken und seinen Gesten spricht.

Welche Eigenschaften oder Fähigkeiten sind denn essenziell für den Beruf?
Vor allem die Spielfreude. Spaß haben, Quatsch zu machen. Eine sehr persönliche Antwort darauf ist, dass ich meine Mutter immer zum Lachen bringen wollte. Sie hat eine sehr schwere Kindheit gehabt, mit Verlusten im Krieg, ebenso wie mein Vater. Als Kind habe ich immer einen Impuls gespürt, sie glücklich machen zu wollen. Diese Fähigkeit, dass du das aus deiner eigenen Ressource nimmst, das weckt Kräfte in einem. Außerdem kann ich mich austoben und habe zu Beginn eine enorme Vitalität in mir wahrgenommen. Ich bin ein sehr temperamentvoller Clown.

Hat denn dein Temperament in den letzten 40 Jahren abgenommen? Wurde Fidelidad vielleicht etwas altersmilde?
Das kann man so sagen. Ich habe besonders in den letzten zehn Jahren gemerkt, dass ich milder und sensibler geworden bin. Es kommt mehr Großzügigkeit auf und auch mehr Liebe – als nur der Eifer mit der Karriere im Blick.

Was bereitet dir Freude an deinem Beruf?
Erst gestern wieder: die Kinder. Im Rahmen eines Clownprojekts in einer Kita habe ich den Kindern am Anfang etwas vorgespielt und die kringelten sich vor Lachen. Das ist wirklich toll. Ich war dem Tag eigentlich nicht so fit, ich hatte schlecht geschlafen und war müde. Die Reaktion, das Lachen hat mich dann rausgeholt und das ist ein Geschenk.

Ich stelle mir vor, dass Kinder ein besonderes Publikum sind, weil sie sehr ehrlich sind. Sie lachen nicht aus Höflichkeit, obwohl sie jemanden nicht lustig finden.
In der Tat gut erkannt. Popov, ein sehr berühmter Clown, hat mal gesagt: „Für Erwachsene gut, für Kinder besser sein.“ Das ist eine sehr wichtige Haltung, denn Kinder sind für den Clown die beste Korrektur. Wenn die lachen, dann weißt du, du hast es gut gemacht. Meistens lachen die Erwachsenen auch. Manchmal versuche ich Erwachsenenwitz mit einzustreuen, was mir auch gelingt. Da lachen die Kinder dann nicht drüber, aber die Erwachsenen müssen schmunzeln und merken: Der hat auch auf dieser Ebene was Humorvolles drauf.

Wie hast du die letzten zwei Pandemiejahre durchlebt als Künstler?
Heute kann ich sagen: besser als ich befürchtet hatte. Als es passierte, war ich geschockt. Ich hatte gerade noch meine Karnevalsauftritte und plötzlich der Cut – nichts mehr. Das hältst du kaum aus. Ich wusste wirklich nicht, wie es weitergehen sollte. Es kamen die Hiobsbotschaften: dies abgesagt, das abgesagt. Aber die Zeit habe ich letztlich als ungemein wertvoll empfunden. Ich habe die Chance genutzt, nachdenklicher und besonnener zu werden.

Du konntest körperlich und seelisch also etwas runterfahren, sozusagen?
Ja genau. Und wenn es Corona nicht gegeben hätte, gäbe es unser neues Stück nicht. Außerdem muss ich sagen, dass die staatliche Hilfe mich in der Zeit sehr unterstützt hat. Und mit der Förderung des Programms „Neustart Kultur“ haben wir das Stück „Auf großem Fuß“ auf die Beine gestellt. Eine große Produktion mit vielen Beteiligten in Regie, Bühnenbild, Kostüm, Ton und Licht und so weiter.

Du hast das Rentenalter erreicht. Wie kann ich mir den Ruhestand eines Clowns vorstellen? Denkst du überhaupt schon an Rente?
Ja, durchaus. Aber ich sag mal so: Ein Clown bist du ein Leben lang. Das ist so ein Teil von mir, dass ich damit gar nicht aufhören wollte. Wenn der liebe Gott mir noch lange die Kraft gibt, werde ich Clown sein, bis man mich aus der Manege trägt. (lacht) Ich würde es jedoch vermeiden wollen, so gebrechlich zu wirken, dass ich beim Publikum Mitleid errege.

Wie viel von Fidelidad steckt in Wolfgang Konerding?
Das ist eine gute Frage. Zu Hause lachen wir gerne, ich bin auch sehr gerne lustig. Aber ich bin auch ein sehr nachdenklicher, philosophischer und spiritueller Mensch. Im Grunde – und das ist das Schöne an dem Beruf – ist es ein 24-Stunden-Job. Der ganze Tag ist letztlich sowohl ein Clownstag als auch ein Tag von Wolfgang. Clown zu sein ist eine Lebenshaltung.

Vielen Dank für das nette Gespräch. Übrigens kenne ich Fidelidad schon seit meiner frühesten Kindheit und es war mir eine Freude, dich heute persönlich kennenzulernen.
Dir auch herzlichen Dank für die schöne Unterhaltung. Das freut mich sehr zu hören. Dass einige mich schon so lange kennen, habe ich immer mal wieder gehört

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