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Pumpenhaus: Navas` traurig-schönes Spiel

Liebeserklärung an das Leben

Münster

Der venezolanische Tänzer-Choreograph José Navas erzählt die Geschichte eines Abschieds und feiert zugleich das Leben.

Von Isabell Steinböck

José Navas` traurig-schönes Gastspiel „Aves“ erzählt die Geschichte eines Abschieds. Foto: Thibauld Carron

Seine angewinkelten Arme bewegen sich auf und ab, die bloßen, überkreuz gesetzten Füße treten auf der Stelle. Eine weiße Maske mit langem Schnabel und hohlen Augen verdeckt das Gesicht des Tänzers, der mit ruckartigen Kopfbewegungen und weichen Armen einen Totentanz beschreibt. Als seine Armschwünge immer kürzer, der Atem immer lauter wird, ist das Ende nah: Die letzten Momente eines sterbenden Vogels als Metapher für die Vergänglichkeit allen Lebens.

„Aves“ (Vögel) ist der Titel dieser berührenden Choreographie, mit der José Navas, Gründer der kanadischen Companie „Flak“, seines verstorbenen Partners, Bill Douglas, gedenkt. In vier Soli, eingeleitet aus dem Off durch kurze, englischsprachige Texte und zu einer Musik, die von klassischer Komposition Johann Sebastian Bachs über Jazz der 1950-er Jahre bis hin zur sperrigen Musik PJ Hareys reicht, erzählt der venezolanische Tänzer-Choreograph im Pumpenhaus die Geschichte eines Abschieds.

Die Performance nimmt durch harmonische Ästhetik für sich ein. Sämtliche Bewegungen sind punktgenau auf die Musik choreographiert und bilden einen reizvollen Kontrast zur animalischen Darstellung am Ende des Stücks. Wehmütige Momente sind dabei, etwa die Hochzeit angesichts des nahenden Todes, dargestellt in einer temporeichen Choreographie, als wolle der Scheidende das Leben fangen. Intime Momente in New York visualisiert Navas mit femininer Attitude, wenn er mit eleganten Bewegungen und dunkler Sonnenbrille exaltierte Schönheit zum Ausdruck bringt. Bald darauf holt ihn die Realität ein, wirft den Leidenden zu Boden, um ihn bald wieder aufstehen zu lassen. Dabei zeugt Navas Interpretation ausgewählter Liebeslieder von Nähe und Distanz zugleich: Wenn der Tänzer mit immer neuen Masken auf der Bühne steht, verkörpert er nicht nur Schönheit, er verleiht auch dem Unheimlichen, Surrealen Ausdruck.

Den Rahmen des Abends bilden drei Schläge gegen eine buddhistische Klangschale, die den Lauf des Lebens abzubilden scheinen. Wenn sich der Künstler am Ende tief zu Boden beugt, wenn er pantomimisch Publikum und Welt umarmt, wird deutlich: das Leben ist zu schön, um traurig zu sein.

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