Michael Solders neuer Antiquar-Podcast

Lustig – lehrreich – staunenswert

Münster

Staub war gestern, Michael Solder und Sabine Scho sind heute: Ihr neuer Podcast über alte Bücher ist vor allem eines - sehr kurzweilig. Und auch Haushaltstipps sind inklusive.

Gerhard H. Kock

Lyrikerin Sabine Scho aus Berlin-Moabit und Antiquar Michael Solder aus Münster plaudern unterhaltsam und lehrreich über Bücher-Preziosen aus – dank des Privatdetektivs Wilsberg – Deutschlands wohl berühmtestem Antiquariat. Foto: Tuula Kainuleien/LWL-Medienzentru

Den Tipp seines Kollegen könnte Wilsberg gut gebrauchen. War der Privatdetektiv mit Wohnsitz Frauenstraße 49 doch einst mal Kettenraucher. Da möchte man nicht wissen, wie dessen Bücher riechen. Zum Glück gehört „sein“ Antiquariat im wirklichen Leben Michael Solder, der vor über 30 Jahren ins Geschäft der alten Bücher fand. Und in seinem neuen Podcast gibt er auch Tipps: Müffelnde Bücher? Waschmittelkartons!

„Man kann Bücher, die sehr stark riechen, wenn sie feucht geworden sind oder der Besitzer geraucht hat, in einen leeren Waschmittel-Karton stellen, dann verlieren sie ihren Geruch, ohne dass sie hinterher nach Persil riechen.“ Wenn Michael Solder aus Münster und Sabine Scho aus Berlin-Moabit sich in ihrem neuen Podcast „Rare Books Care Looks“ miteinander über gedruckte Kostbarkeiten unterhalten, geht es völlig anders zu, als ihre Profession es vermuten lässt: Er Antiquar, sie Lyrikerin. Kundig, aber unprätentiös locker tauschen sich die beiden miteinander aus – zum Auftakt über das „Conrad Gessner: Vogelbuch. Frankfurt 1600.“

Tipps aus der Hausapotheke

Und von wegen verstaubter Foliant. Ein Faszinosum folgt dem nächsten: Gessner gibt als Arzt pflichtschuldigst ein paar Tipps aus der Hausapotheke seiner Zeit: Bei vielen Dingen hilft anscheinend der Adler: Die Haut des Vogels auf dem Bauch, dann sind die Bauchschmerzen weg. Einen Adlerflügel unter die Füße einer Gebärenden, dann wird das Kind baldigst kommen. Vielleicht ist der Greifvogel deshalb so selten geworden. Immerhin spricht der Schweizer Arzt be­reits vor 450 Jahren den Vögeln einen Verstand zu, den sie nutzen. Das hörte die Kirche damals nicht so gerne.

Sogar aktuell diskutierte gesellschaftspolitische Fragen, werden aufgeworfen: Kritisch reflektieren die beiden die Namensgebung der jungen Naturwissenschaft, die sich beim Naturforscher, Altphilologen, Humanisten Conrad Gessner findet. Die Benennung der Tiere (oft nach dem europäischen Entdecker) sei eine kolonialistische Aneignung der Welt durch Wissenschaft, dennman nehme nicht den Volksnamen der Tiere. Zugleich nennt Scho aber auch ein Beispiel, dass die Kenntnis der Welt mehr Möglichkeiten der Beschreibung liefert: Die Rohrdommel nannte man damals wegen des Balzrufs „Mooskuh“. Scho widerspricht: Die Männchen klingen vielmehr wie ein Didgeridoo. Darauf konnte Gessner nicht kommen, er kannte Australien noch nicht.

Der Podcast

Ab Samstag (8. Mai) ist der neue Podcast zum Buch „Interaction of Color“ von Josef Albers online. Die nächsten Podcasts: „Gedichte. Cottascher Verlag, 1844“ von Annette Freiin von Droste-Hülshoff (21. Mai) und „Critik der reinen Vernunft. Riga 1781.“ von Immanuel Kant (4. Juni). Auf der Website gibt es zu den Büchern ein paar Fotos und Texte.

Haushaltstipp für müffelnde Bücher

En passant erzählt Solder von der eigenen Zunft: „Die ganz guten Antiquare unter uns können, wenn sie den Einband sehen, ziemlich sicher das Land identifizieren, in dem es gebunden wurde. Das würde ich mir auch zutrauen.“ Faustregeln: Ein Pappband kommt aus Deutschland, Halbledereinband aus England und Ganzledereinband aus Frankreich. Es gebe Antiquare, die können beim Blättern hören, von wann das Buch ist. Und kritisiert wird auch: Jede Bibliothek verpasst erworbenen Büchern einen eigenen Einband, so holt die British Library fast alle Bücher aus ihren Einbänden und packt sie in rotes Ganzleder. Das klingt edel. Diese Gleichmacherei hat für Sabine Scho ein Geschmäckle, diese Vereinheitlichung sei eine Form von „sozialistischem Frevel“.

Nach kurzweiligen knapp 60 Minuten ist überraschend schon Schluss, und der Zuhörer darf sich auf die nächsten Folgen freuen.

Startseite