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Ernst Kreneks Oper „Leben des Orest“

Machthungriger Vater, wütender Sohn

Münster

Die „Elektra“ von Richard Strauss als Oper um den Rächer Orest kennt man. Doch es gibt noch eine andere Oper, die das „Leben des Orest“ viel umfangreicher in den Blick rückt.

Thoas, König im Nordland (Ki Hoon Yoo, stehend) verhandelt mit (v. l.) Iphigenie (Katharina Sahmland), Orest (Johan Hyunbong Choi) und Thamar (Robyn Allegra Parton). Foto: Martina Pipprich

Wo bleiben eigentlich all die weißen Monobloc-Gartenstühle, die seit Jahr und Tag auf Theaterbühnen herumstehen? Auf den Terrassen des Regieteams wohl nicht. Vermutlich eher im Fundus für die übernächste Inszenierung.

Aus dem Fundus des Regietheaters schien auch vieles von dem zu stammen, was das Team um Magdalena Fuchsberger für das „Leben des Orest“ auf die Bühne des Großen Hauses brachte. Da wurden mehr oder weniger eifrig Versatzstücke griechischer Säulen umhergekurvt – man ist ja in der Antike. Die Stühle stehen herum, die Akteure greifen zu übertriebenen Pathos-Gesten, und die Choreografie des Chores erinnert an klamottiges Unterhaltungstheater – bis hin zu flirriger Cheerleader-Ästhetik. Dann wieder gibt es Einsprengsel konzertanter Aufführungen, und im Hintergrund flimmern Griechenland-Videos. Man ahnt schon bald: Ähnlich aus dem Vorhandenen schöpfend, wie es der Komponist Ernst Krenek um 1930 für seine damalige Erfolgsoper tat, geht es hier auch zu. Intendantin Dr. Katharina Kost-Tolmein schreibt im Programmheft, man verfolge als Zuschauer „die mechanische Verfertigung des Spektakels auf der Bühne in all ihrer Banalität“. Wie wahr!

Krenek, bekannt damals durch die Jazz-Oper „Johnny spielt auf“, hat als sein eigener Librettist die alte „Orestie“ neu beleuchtet, was sich durchaus zu erzählen lohnt. Denn wie sich Agamemnon zum Kriegsherrn erhebt, um die eigene Machtsphäre auszudehnen, oder wie sein Sohn Orest gegen jenes Volk wütet, das den Krieg in Troja aus sicherer Entfernung als Spektakel wahrnimmt: Das könnte einem den Atem stocken lassen, würde man es ernsthaft akzentuieren.

Musikalisch ist dieser Beginn der neuen Intendanz spannend. Zum Beispiel, weil der sowohl agierende als auch kommentierende Chor (Einstudierung Anton Tremmel) in all seinen Auftritten glänzt. Generalmusikdirektor Golo Berg hat, wie es scheint, großes Vergnügen daran, die stilistische Vielfalt Kreneks auszubreiten: Da kommen fein spätromantisch getönte Klänge des Sinfonieorchesters Münster aus dem Graben, dann geht es wieder schmissig Richtung angejazzter Unterhaltungsmusik. Dass Krenek seinen Richard Strauss (mit der „Elektra“) kannte, ist hörbar, gegen Ende scheint er aber auch ein wenig „Arabella“ vorwegzunehmen.

Titelheld Orest kommt in dieser Oper eher spät ins Spiel, hat aber dann immer markantere Auftritte: Für seine heroischen Gesten weist Johan Hyunbong Choi die passend dunklen Baritonfarben auf, überzeugt aber ebenso, wenn sich der weit gereiste Orest im dritten Akt sehnsuchtsvoll an die griechische Heimat erinnert. Das große Ensemble dieser Oper präsentiert neben den wohlvertrauten Garrie Davislim und Gregor Dalal lauter Neulinge für Münsters Opernpublikum, die sich hier natürlich mit unbekannten Partien vorstellen. Gleichwohl sind das viele erfreuliche Begegnungen, sei es Brad Cooper mit prägnanter Tenorhöhe als Agamemnon, sei es Wioletta Hebrowska, die die Klytaemnestra-Partie an der Schwelle zur Hochdramatischen gestaltet. Gespannt darf man auf Margarita Vilsone sein: Sie fasziniert an diesem Premierenabend als Elektra, wird aber in der gleichnamigen Strauss-Oper im Dezember – stimmlich passend – deren Schwester Chrysothemis singen.

Nächste Vorstellungen: 3., 8. und 16. Oktober

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