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„Horror Vacui – Das Fest“ im Haus Rüschhaus

Märchenhaft entrückt-verrückt

Münster

Schrecken vor der Leere beschäftigte sieben Künstlerinnen auf den Spuren der Annette von Droste-Hülshoff. Dabei stürzten persönlichste Perspektiven aus Sprachhimmeln.

Von Günter Moseler

Sieben Künstlerinnen stellten sich im Haus Rüschhaus dem Schrecken der Leere: Emese Bodolay, Kathrin Ebmeier, Laura Eggert, Ae Ran Kim, Len Klapdor, Almut Pape und Mia Sellmann. Foto: Günter Moseler

Nur die Endlosschleife eines fernen Rauschens verhindert, sich als Zeitgenosse des 19. Jahrhunderts zu fühlen: Auf der A 1 zischt die motorisierte Welt geisterhaft unsichtbar am Haus Rüschhaus vorüber, Vergangenheit und Moderne verschmelzen ineinander, nicht anders als das Projekt „Horror Vacui“ („Schrecken vor der Leere“) jener Künstlerinnen (Emese Bodolay, Kathrin Ebmeier, Laura Eggert, Ae Ran Kim, Len Klapdor, Almut Pape, Mia Sellmann), die ihren gleichnamigen Kollektivtext durch Kemenate, Küche, Keller, Salon, Flure und über Treppen in fernste Mauselöcher bis in den Stall inszenierten, wo eine Kutsche geneigte Zeitreisende empfing.

Es war ein gewaltiges (gleichnamiges) Libretto für diese Reflexionsoper, die alle Zimmer des Hauses in Bühne(n) verwandelte. Die Koproduktion mit dem „Center for Literature Burg Hülshoff“ begann als Geistertreffen: Man versammelte sich in der Kemenate, schweigend, dann rezitierend, auch chorisch singend, von einer oberen Luke aus dirigiert. Verschworenen einer Séance-Sitzung nicht unähnlich, saßen die Künstlerinnen am langgestreckten Tisch, während Monologe sich in Dialoge verwandelten und ein polyphones Zitatenlabyrinth Spiel, Sinn und Sinne verdichtend verrätselte.

Persönlichste Perspektiven stürzten aus Sprachhimmeln wie vorbeifliegende Eindrücke aus einem rasenden Zug: Über Empfindungen aller Arten, über Lippen und Wangenmuskulatur, über Pizzabacken und Inspirationsselbsthilfe, über das Leben von Untoten, oder ein „Vielleicht“-Fazit: „Müssen wir die Welt durch unsere Existenz berühren, um uns Mensch nennen zu können?“

Unmöglich, den Gespensterinnenwelten auszuweichen. Grasgrüne, meerblaue und schneeweiße Haarperücken, Federboa, schwarze Lackstiefel, Geschminkte wie Ungeschminkte suggerierten utopistische Zukunft, während das authentische Droste-Hülshoff-Interieur die Performance der Außerirdischen solidarisch ausstaffierte.

Der Farbenregen eines im Kamin flackernden Kugelblitzes empfing die Besucher, die „Kellerbar“ leuchtete wie eine lila-blaue Grotte („Alle Einnahmen für die Autonome Iranische Frauengruppe Köln“), eine Lautsprecherbox auf der Stall-Toilette mantrasierte: „All das funktioniert, weil wir funktionieren.“ Texte klebten an Wänden klein- und großformatig, im Salon rauschte, summte und murmelte beschwörend eine Musikperformance. Später würde es im „Schneckenhaus“ der Droste ein kleines Konzert mit ihrer (!) Musik geben, noch aber schlich die Schneefrau Treppen herauf und lag jemand wie aufgebahrt in der Badewanne der Dachtoilette, umzingelt von Fliesentexten: „Mit Kindern kämpfen. Frühstückskampf. Anziehkampf. Zähneputzkampf. Raus Raus Raus.“ Zersplitterte Moderne, märchenhaft entrückt-verrückt.

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