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Halbzeit beim LitFilms-Festival in Münster

Mehr als bloße Werktreue

Münster

Wie es derzeit um das Verhältnis von Film und Literatur im Allgemeinen und Literaturverfilmungen im Besonderen bestellt ist, das versucht in diesen Tagen auch das LitFilms-Festival zu ergründen. Es findet im im Schlosstheater und an anderen Kulturorten in und um Münster statt. Wir ziehen eine Zwischenbilanz

Von Gian-Philip Andreas

Foto: Lit-Films-Festival

Literaturverfilmung: ein im Grunde überflüssiger Begriff. Nahezu alle Filme basieren schließlich auf einem Drehbuch, und ein Drehbuch ist Literatur. Meist bezieht sich der Begriff daher im engeren Sinn auf die Umsetzung vorveröffentlichter Texte, von Romanen meist, seltener Theaterstücken. Und wer genau hinsieht, wird feststellen, dass inzwischen ein Großteil der Filme, die ins Kino kommen, auf Romanen oder Comics basiert – auf bekannten „Marken“, die dafür sorgen sollen, dass an der Kinokasse nicht ganz am Anfang begonnen werden muss, sondern auf Bestehendem aufgebaut werden kann. So kann auf Geschichten gesetzt werden, die sich im anderen Medium schon bewährt haben.

Einerseits führt dies dazu, dass Filmfans immer öfter mangelnde Originalität beklagen. Gerade Hollywood traut sich nur noch selten, das ökonomische Risiko einzugehen, ganz neue Stoffe zu entwickeln. Stattdessen werden immer neue Adaptionen, Sequels, Prequels der immer gleichen Vorlagen herausgebracht. Andererseits führt es dazu, dass sich die Macher in den Konfliktnetzen der Gegenwart verheddern: Die Frage, ob sich Verfilmungen beim Transfer von der Buchseite in Bild und Ton künstlerische Freiheiten erlauben dürfen oder strenger Werktreue verpflichtet sind, scheint in der öffentlichen Wahrnehmung zugunsten des Letzteren längst entschieden zu sein. Man sieht es an den pawlowschen Empörungsreaktionen, zu denen es jedes Mal kommt, wenn sich wer gestattet, Details Tolkienscher Erzählwelten neu zu interpretieren oder überhaupt Dinge anders zu machen, als sie mal waren. Was im Bestseller geschrieben steht, hat heiliges Gewicht.

Wie es derzeit um das Verhältnis von Film und Literatur im Allgemeinen und Literaturverfilmungen im Besonderen bestellt ist, das versucht in diesen Tagen auch das LitFilms-Festival zu ergründen, das im Schlosstheater und an anderen Kulturorten in und um Münster stattfindet und tatsächlich das einzige deutsche Festival ist, das sich auf dieses Thema spezialisiert hat: mit dokumentarischen Filmen über Akteure der Literaturszene, Roman-, Comic- und Lyrikverfilmungen aus aller Welt, einer kleinen Reihe zum 75. Geburtstag von Stephen King (dem meistverfilmten Gegenwartsautor) und jeder Menge Gesprächen mit Leuten an der Schnittstelle von Text und Bewegtbild. Die vom Fernsehen zur Literatur gekommene Susanne Abel war schon da, der Filmkritiker Daniel Kothenschulte auch, und Thomas Wendrich, einer der wichtigsten deutschen Drehbuchautoren.

Morgen, am Dienstag, steht wieder hoher Besuch an: Im LWL-Museum für Kunst und Kultur wird die diesjährige Kleist-Preisträgerin Esther Kinsky eine Dokumentation über sich vorstellen. Nächsten Samstag reist Sonja Heiss an, die zugleich Schriftstellerin und Regisseurin („Hedi Schneider steckt fest“) ist, am Sonntag kommt Bestseller-Autor Peter Prange. Am Ende wird eine Jury die „beste Literaturadaption“ küren – und egal wer gewinnt, mit der üblichen Sequel- und Prequel-Routine des Literaturverfilmungsbetriebs wird das wenig zu tun haben.

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