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50. Jahrestag der ersten Homosexuellen-Demo

Meilenstein für queere Bewegungen

Münster

Am 29. April 1972 fand die bundesweit erste Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben in Münster statt. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums fand ein Festakt im historischen Rathaus mit NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst statt. Im Mittelpunkt standen aber andere.

Von Pjer Biederstädt

Martin Dannecker (2.v.l.), Halina Bendkowski, (4.v.l.) und Sigmar Fischer (3.v.r.) wurden bei dem Festakt im historischen Rathaus für ihr queeres Engagement mit einer Laudatio von Kai Bölle (l.), CSD Deutschland, geehrt. Foto: Oliver Werner

Mit stehenden Ovationen feierten 200 geladene Gäste am Freitagabend im Festsaal des historischen Rathauses diejenigen im Saal, die vor genau 50 Jahren die Courage hatten, um in Münster für die Rechte von Homosexuellen auf die Straße zu gehen. Die Demonstration am 29. April 1972 war die erste ihrer Art in Deutschland und bereitete den Weg zu Akzeptanz und Gleichberechtigung.

„Wir dürfen die Zukunft leben, von der Ihr einst geträumt und für die Ihr Euch eingesetzt habt“, sagte Agnes Yavari vom Verein LiVas, die zusammen mit Norman Devantier vom KCM-Schwulenzentrum stellvertretend für die queeren Vereine standen, die den Festakt organisiert hatten.

Erinnerung an Henscheid und Plein

Als Pioniere dieser Bewegung wurden Halina Bendkowski, Martin Dannecker und Sigmar Fischer mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet. Sie wiederum erinnerten an die Verdienste von den bereits verstorbenen Anne Henscheid und Rainer Plein, die in homophilen Hochschulgruppen in Münster aktiv waren. Dannecker, der 1972 aus Frankfurt zur Demo anreiste, erinnerte sich, dass es in Münster „alles ein bisschen brav“ war und er deshalb bei der Demo vorangegangen sei.

Gastredner NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) würdigte den Mut der Zeitzeugen und das Ereignis als Meilenstein der queeren Bewegung. „Es darf in unserem Land keinen Platz geben für Diskriminierung wegen sexueller Orientierung oder Identität“, sagte Wüst.

Bürgermeisterin Angela Stähler betonte die Bedeutung der Demonstration für Münster. Halina Bendkowski erinnerte in dem Zuge unter donnerndem Applaus daran, dass ihr die Stadt Münster 1975 noch einen Infostand verwehrt hatte. „Heute schmückt sich die Stadt mit unserer Geschichte“, sagte die Publizistin und Feministin.

Als der Ton der Videobotschaft von Sven Lehmann, erster Queer-Beauftragter der Bundesregierung, nicht zu hören war, sprang Moderatorin Claudia Kemper schlagfertig ein: „Er hat im Prinzip gesagt, dass wir ganz toll sind und er uns eine Million Euro verspricht.“

Den Festakt rundeten die charmant-ironischen Darbietungen der Chöre „Zuckerschnitten“ und „Homophon“ ab.

Ein Meilenstein auf dem Weg zur Befreiung

Nicht Köln, nicht Berlin, nicht Hamburg – nein, ausgerechnet das erzkonservative Münster war vor 50 Jahren Schauplatz der ersten Demonstration für die Rechte von Lesben und Schwulen in Deutschland. Am 29. April 1972 zogen 200 homosexuelle Menschen durch die Stadt, um auf ihre Diskriminierung aufmerksam zu machen – ein erster, aber wichtiger Schritt der Bewegung in Deutschland.

Demo-Mitorganisator Rainer Plein, nach dem in Münster eine Straße benannt ist, hatte 1971 die Gruppe Homophile Studenten Münster (HSM) mitgegründet. Der Geist der sogenannten 68er zog durch die Hörsäle, als Vorbild diente die Bewegung in den USA. Zudem fassten Schwule den 1969 liberalisierten Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches, der Homosexualität lange unter Strafe gestellt hatte, als Befreiung auf. „Da wir mit Information allein nicht weiterkommen, müssen wir provozieren“, hatte Plein, der schon 1976 verstarb, vor der Demo gesagt.

Die bundesweit erste Demonstration für Rechte von Schwulen und Lesben fand 1972 in Münster statt. Der Protestmarsch der 200 Teilnehmenden führte auch durch die Ludgeristraße. Foto: Rosa Archiv KCM

Doch um das, was Jahrzehnte als verpönt galt, offen auf die Straße zu tragen, brauchte es vor allem erst einmal eines: Mut. „Im Vorfeld gab es Angst vor aggressiven Reaktionen. Die Menschen am Straßenrand haben verhaltene Abscheu gezeigt. Sie waren irritiert, aber nicht bedrohlich“, erinnert sich Demo-Teilnehmer Martin Dannecker. Der heute 79-Jährige erlangte als Mitautor des Films „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ bundesweite Bekanntheit. Rosa von Praunheim hatte das 1971 ausgestrahlte Werk gedreht. Dannecker gehörte, genau wie die ebenfalls geehrten Aktivisten Halina Bendkowski und Sigmar Fischer, am Freitagabend in Münster zu den Rednern des Festaktes.

Anlässlich des Jubiläums hatten das KCM-Schwulenzentrum, weitere queere Vereine und die Stadt einen Empfang im historischen Rathaus organisiert. Unter den 200 Gästen war unter anderem NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, der den Mut und das Engagement der anwesenden Pioniere würdigte. Seit 1972 sei viel erreicht worden, doch ein Ziel sei noch unerreicht: das Ende der Diskriminierung. „Deshalb machen Sie weiter. Vielfalt hat viele Facetten, lassen wir sie leuchten“, sagte Wüst.

Kommentar: Wider die Vorurteile

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