Mit dem Lastenrad durchs trubelige Münster

Mein Date mit Lotte

Münster

Sie sind umweltfreundlich und verfügen beinahe über den Stauraum eines Kleinwagens: Lastenräder erleben einen regelrechten Boom. Aber wie praktisch ist ein so großes Fahrrad an einem Adventssamstag in Münsters Innenstadt? Ein Selbstversuch.

Markus Lütkemeyer

Markus Lütkemeyer manövriert das Lastenrad durch das vorweihnachtliche Münster. Foto: Wilfried Gerharz

Es fühlt sich an wie eine verlorene Wette. Jeder halbwegs vernünftige Münsteraner macht an einem Adventssamstag einen großen Bogen um die komplett überfüllte Innenstadt. Und da soll ich nun ausgerechnet mit einem Lastenfahrrad rein? Ja, vielen Dank auch.

Aber ich verstehe natürlich die Idee dahinter. Wenn schon Transportrad, dann bitte direkt im Härtetest. Zum Wochenmarkt, über den Prinzipalmarkt, rund um die Promenade und durch das schlimmste Gedränge der Weihnachtszeit mit einem Fahrrad, das breiter ist als mancher Radweg. Wenn das gut klappt, ist alles möglich.

Soweit zur grauen Theorie. Das Schöne daran: In Münster werden einige Lastenfahrräder kostenlos verliehen. Ich muss dafür nur ein Internetformular ausfüllen, mich für ein Modell entscheiden und einen freien Tag auswählen. Die ehrenamtlichen Organisatoren von www.lastenrad-ms.de werden vom ADFC Münsterland unterstützt.

Ein holpriger Start

Die Auswahl fällt mir nicht leicht. Mit dem Boom der Lastenräder in den vergangenen Jahren hat auch die Modellvielfalt zugenommen. Mein Eindruck ist, dass sich auf den Straßen der Typ „Long John“ durchgesetzt hat. Und ja, die heißen wirklich so. Das Transportgut wird bei diesen sehr langen Fahrrädern zwischen dem Lenker und dem Vorderrad verstaut. Ich habe mit so einem Rad bereits ein paar Runden gedreht, kein Problem. Nach meiner Testfahrt haben mich allerdings viele Leute angesprochen: „Bist du gar nicht umgekippt?“

Wer davor Angst hat, greift zum Dreirad. Die so genannten Christiania-Bikes mit einer zweirädrigen Vorderachse transportieren sogar zwei Kinder nebeneinander. Ihr großer Vorteil neben ihrer großen Ladefläche liegt im sicheren Stand. Das will ich einmal selber ausprobieren und entscheide mich für das Lastenfahrrad mit dem klingenden Namen „Lotte“.

Mit "Lotte" durch Münster. Foto: Wilfried Gerharz

Mein Date mit Lotte startet holprig. Die gute Balance geht nämlich auf Kosten der Schräglage. In Kurven kann man nicht schnell fahren, weil dann die Zentrifugalkraft an dem Lastenrad zerrt. Vorausschauendes Fahren ist wichtig, weil das Rad so breit ist und es an Pollern und anderen Hindernissen eng werden kann. An der Warendorfer Straße muss ich unter einem Baustellengerüst herfahren – vorsichtshalber bremse ich auf Zeitlupengeschwindigkeit.

Über Kopfsteinpflaster

An der Promenade sehe ich zum ersten Mal mit eigenen Augen eines der neuen Ampeltrittbretter. Radfahrerinnen und Radfahrer können dort während der Rotphase bequem ihren Fuß abstellen. Lotte und mich lässt das völlig kalt. Wir müssen uns nirgendwo festklammern, wenn wir anhalten. Dem dritten Rad und der Parkbremse sei Dank.

Auf dem Prinzipalmarkt ist natürlich die Hölle los. Ich habe vergessen, das schwere Kettenschloss aus der Ladefläche zu nehmen. Auf dem Kopfsteinpflaster hört es sich deswegen an, als würde Lotte gleich auseinanderspringen. Kurz erwäge ich, Lotte über das Kopfsteinpflaster besser nur noch zu schieben. Es ist sowieso so voll. Aber dann sehe eine junge Frau mit einem nahezu baugleichen Lastenfahrrad, die mit ihren Einkäufen im Gepäck vom Wochenmarkt zurückkommt und völlig ungerührt über das Kopfsteinpflaster brettert, als wäre das nur eine Eislaufbahn. Also steige auch ich wieder auf und bahne mir rücksichtsvoll meinen Weg.

In Münster sind Lastenfahrräder schon lange keine Exoten mehr. Die Stadt hatte in diesem Jahr sogar erstmals eine Kaufprämie beschlossen. Der Topf mit insgesamt 200 000 Euro war bereits nach sechs Wochen ausgeschöpft. Die Leute standen regelrecht Schlange. Fast alle Antragsteller haben sich für ein Lastenrad mit elektrischer Unterstützung entschieden.

Probleme beim Parken

Hätte ich auch mal machen sollen. Lotte ist mir nur mit Muskelkraft auf Dauer doch ein wenig zu lahm. Fahrverhalten hin oder her. Das eigentlich Problem mit jedem Lastenfahrrad, egal welcher Typ, ist ein anderes und wird nur selten in Testberichten angesprochen: Wo kann ich parken!? Zugegeben, am Prinzipalmarkt oder auf dem Domplatz hätte ich auch mit meiner normalen Leeze keinen legalen Stellplatz mehr gefunden.

Doch selbst ganz normale Supermärkte sind nicht darauf vorbereitet, dass ein Lastenfahrrad vorfährt. Gewöhnliche Fahrradständer sind entweder zu schmal (für Lotte) oder stehen zu nahe an einer Straße oder einer Mauer (für einen Long John).

Auf dem Rückweg zur Verleihstation sind Lotte und ich bereits gute Freunde geworden. Viele Sachen, die mich anfangs gestört haben, haben sich nach der Eingewöhnungszeit erledigt. Problemlos cruisen wir zum Abschied durch die engen Gassen. Ein junges Pärchen tanzt zu einer jazzigen Interpretation von „Jingle Bells“ einer libanesischen Straßenband. Am Ende habe ich sogar wieder etwas übrig für Adventssamstage in der Innenstadt.

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