Fotoprojekt zum ersten Corona-Lockdown

Menschen, die aus Fenstern schauen

Münster

Ingrid Hagenhenrich fotografiert beruflich Menschen. Doch im ersten Lockdown 2020 war ihre Perspektive eine völlig andere. Die Bilder, die damals entstanden sind, werden bald in einer Ausstellung zu sehen sein.

Björn Meyer

Nur eine kleine Auswahl der Bilder, die bei den „Fenstershootings“ entstanden sind. Foto: Ingrid Hagenhenrich

Der erste Lockdown 2020 war die Zeit, in der die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern blieben. In der sie nur rausgingen, wenn es wirklich notwendig war. Ingrid Hagenhenrich hat diese Zeit festgehalten – mit ihrer Kamera. Über sechs Wochen fotografierte sie Münsteraner in Fenstern, auf Balkonen oder in Vorgärten. Herausgekommen sind rund 60 ganz unterschiedliche Schwarz-Weiß-Bilder, die Hagenhenrich ab dem 18. Mai in einer Ausstellung im Haus vom Guten Hirten zeigt.

"Ich bin eine Fotografin, die sich vor allem mit Menschen beschäftigt", sagt die 50-jährige Münsteranerin, die gebürtig aus der Slowakei stammt. Doch mit dem Lockdown, erinnert sich Hagenhenrich, habe sie Panik bekommen. „Was, wenn ich nicht mehr an die Menschen herankomme? Die Grundlage meiner Arbeit wäre mir entzogen“, sagt sie. In einem Blog las Hagenhenrich damals von der Initiative „Fenstershootings“, der weltweit Menschen folgten. Sie entschied sich, einen Aufruf auf Facebook zu starten. Ihr Thema dabei, ein fast schon prophetisches. Sie habe nicht den Schock oder die Traurigkeit der Zeit zeigen wollen, sondern vor allem den Erfindergeist des Menschen herausstellen wollen. „Wir passen uns immer an, das ist unsere Natur“, sagt Hagenhenrich heute – irgendwie passend, da die Menschheit angesichts der entwickelten Impfstoffe die Pandemie in den Griff bekommen könnte.

Das flüchtige Besondere

25 Euro mussten die Münsteraner seinerzeit für ein Shooting zahlen, einigen habe sie aber auch andere Bezahlmethoden eingeräumt, erzählt sie lachend: „Etwa eine Privatstunde am Kontrabass oder eine Flasche Wein.“ Erinnerungen hat sie aber vor allem an die jeweiligen Begebenheiten. Man habe viel gelacht. Manche Leute hätten ihr erzählt, sie sei der erste Mensch, der sie seit Wochen besuche.

Ingrid Hagenhenrich Foto: privat

Von diesen kleinen Geschichten erzählen die Bilder, wohlgemerkt ohne „intellektuellen Überbau“, wie Hagenhenrich selbst es nennt. Während sie eigentlich alle Fotos innerhalb von rund sechs Wochen aufnahm – „danach kam das Besondere daran abhanden“ –, ist zuletzt doch noch eine Aufnahme hinzugekommen. „Ein Hochzeitspaar, das fehlte mir einfach noch“, sagt die Fotografin.

Auslese und Wertung

Geplant ist, dass von den rund 60 Aufnahmen 25 ausgestellt werden. Diese Auslese haben vor allem einen finanziellen Hintergrund, wie Hagenhenrich einräumt, immerhin gelte es, den großformatigen Druck der Fotos zu bezahlen. Sie habe zwar schon überlegt, die Abgelichteten zu fragen, ob sie die Bilder nicht kaufen wollten, „aber ich frage nicht so gerne nach Geld“, fügt Hagenhenrich leise hinzu.

Persönlich ist in ihr mittlerweile nicht nur die Erkenntnis gereift, dass der Mensch sich anpasst. Die Zeit, so schwer sie auch sei, habe auch Neues hervorgebracht. „Nicht alles daran ist schlimm“, findet sie gut ein Jahr, nachdem die Panik sie überkam.

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