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70 Jahre Franz Hitze Haus: Akademiedirektor Antonius Kerkhoff zur Zukunft kirchlicher Bildungsarbeit

„Mit Welt und Gesellschaft vernetzt“

Münster

Die Akademie Franz Hitze Haus in Münster feiert am Samstag mit einem Festakt ihr 70-jähriges Bestehen. Altbundespräsident Joachim Gauck hält den Festvortrag. Mit Direktor Antonius Kerkhoff sprachen wir über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Akademie in schwieriger kirchlicher Umbruchzeit.

Von Johannes Loy

Die Akademie Franz Hitze Haus in Münster wurde im Jahre 1952 gegründet. Der Theologe und Pädagoge Antonius Kerkhoff führt das Haus als Direktor seit 2016.Der Theologe und Pädagoge Antonius Kerkhoff führt das Haus als Direktor seit Foto: Achim Pohl/Wilfried Gerharz

Seit 1952 bietet die Katholisch-Soziale Akademie Franz Hitze Haus politische, soziale, theologische, kulturelle und wissenschaftsbezogene Bildung und Begegnung. In acht Fachbereichen erarbeiten Referentinnen und Referenten das aktuelle Programm. Die Akademie ist eine Einrichtung des Bistums Münster und wird aus dessen Mitteln finanziert. Zum 70. Geburtstag der Akademie, der am Samstag mit einem offiziellen Festakt und einem Vortrag von Altbundespräsident Joachim Gauck gefeiert wird, befragten wir Direktor Antonius Kerkhoff zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Hauses.

70 Jahre Akademie-Arbeit sind nun zu feiern. Was ist das Besondere an Ihrer Arbeit?

Antonius Kerkhoff: Wie der Name schon sagt, verstehen wir uns als Akademie des Bistums Münster mit dem Schwerpunkt in der politischen und sozialen Bildung. Wir orientieren uns dabei an der Sozialverkündigung der Kirche und den sozialpolitischen Fragen unserer Zeit. So hat uns die Sozialenzyklika „Laudato Si“ – auch als Umweltenzyklika bekannt – veranlasst, den Bereich ökologische Transformation ins Programm aufzunehmen. Zu den Highlights unseres Angebotes zählen wissenschaftliche Fachtagungen, auch Ausstellungsprojekte und Literaturveranstaltungen, die überregionalen Eine-Welt-Netz-Tagungen und die Bischofstreffen zu aktuellen sozial- und wirtschaftsethischen Themen. Als Glanzlichter sind die Ringthemen, die fachbereichsübergreifend organisiert wurden, zu nennen, etwa zu „Sozialen Gerechtigkeiten“ – und in meiner Zeit ist mir eine Lesung mit Ernesto Cardenal 2017 in lebendiger Erinnerung.

Corona hat in den vergangenen Jahren manches verändert. Wie geht das Franz-Hitze-Haus mit den aktuellen Herausforderungen um?

Antonius Kerkhoff leitet das Franz Hitze Haus in Münster seit 2016. Foto: privat

Kerkhoff: Es ist uns gelungen, sehr schnell im Verbund mit den anderen Einrichtungen ein probates Sicherheits- und Hygienekonzept zu implementieren, so dass wir unser Haus größtenteils offenhalten konnten. So wurde ein eigenes Digitalisierungskonzept erarbeitet, so dass wir unterschiedliche Bildungsformate anbieten können. Gemäß unserem Leitziel „Orientierung im Dialog und Gastfreundschaft“ lebt unsere Arbeit allerdings in besonderem Maße vom gemeinsamen Lernen in Präsenz, dem Austausch und der persönlichen Begegnung und den gemeinsamen Mahlzeiten. Wir spüren im Moment ein stärkeres Bedürfnis der Teilnehmenden, sich wieder vor Ort in der Akademie zu treffen, statt am Bildschirm zu sitzen.

Was zeichnet die Arbeit der Akademie in Münster im Vergleich zu anderen Bistumsakademien besonders aus? Welche besondere Strategie steckt hinter der Bildungsarbeit?

Kerkhoff: Ich möchte ungern die Akademie Franz Hitze Haus in Konkurrenz zu den übrigen Bistumsakademien setzen. Im Gegenteil freue ich mich über die gute Zusammenarbeit und strategische Abstimmung der deutschsprachigen Akademien untereinander, um Entwicklungen in Kirche, Gesellschaft und Welt kritisch zu begleiten. So haben wir eine gemeinsame Veranstaltungsreihe „Strukturen des Missbrauchs überwinden“ initiiert und begleiten mit überregionalen, teils internationalen Fachtagungen den Synodalen Weg. Eine internationale Fachtagung zu „Frauenpower und Männermacht“ beleuchtete die Potenziale und Hindernisse gleichberechtigter Teilhabe in der katholischen Kirche Ende 2021. In der kommenden Woche stimmen wir uns in Berlin ab zu Fragen von Demokratieförderung angesichts vielfältiger Bedrohungen. Wir sind diesbezüglich im Gespräch mit hochrangigen Frauen und Männern aus Wissenschaft und Politik, und ich habe vor diesem Hintergrund das Thema des Festvortrags von Joachim Gauck gewählt. Eine Besonderheit in Münster scheint mir unsere sehr gut aufgestellte „Junge Akademie“ zu sein, die politisch-historische Seminare etwa mit der Villa ten Hompel durchführt, ebenso Fahrten zu Gedenkstätten, philosophische Schülerakademien und einen Schüleraustausch zwischen Münster und Haifa organisiert. 25 bis 30 Prozent unserer Teilnehmenden sind jünger als 30 Jahre.

Alle sprechen in diesen Jahren von kirchlicher Erosion, von Krise, Abschwung und Großraum- und Sparkonzepten. Wie haben wir uns die Zukunft der Akademie vorzustellen?

Kerkhoff: Die Szenarien sind in der Tat wenig erfreulich. Allerdings warne ich davor, sich selber klein zu reden und sich auf den kirchlichen Binnenraum zu fokussieren. Kirche ist nach wie vor ein bedeutender gesellschaftlicher Player und hat einen öffentlichen Auftrag, wie erst kürzlich Prof. Christoph Möllers im Kontext des Bischofstreffens von Bischof Genn mit Juristen betonte. Hierzu zählt für mich die Bildung als eine zentrale Lebensäußerung von Kirche, der Dialog und die Vernetzung mit Gesellschaft und Welt.

Es verstärkt sich der Eindruck, als gehe es in der Kirche vor allem ums Sparen...

Kerkhoff: Eine stärkere Berücksichtigung wirtschaftlicher Aspekte von der Auslastung des Hauses bis zur Kalkulation von Kursgebühren halte ich für nachvollziehbar und angesichts der Einbußen durch die Corona-Pandemie für erforderlich. Allerdings sollten Einsparungen auch von Fairness geprägt sein und berücksichtigen, dass eine gemeinwohlorientierte Weiterbildung immer auf öffentliche und kirchliche Förderung angewiesen sein wird. Auch für die programmatische Gestaltung bedarf es eines Unabhängigkeit ermöglichenden Spielraumes. Konkret sehe ich Potenziale im Ausbau von Kooperationen wie z. B. mit dem Diözesancaritasverband.

Welche Aufbrüche halten Sie mit Blick auf Kirche und kirchliche Bildungsarbeit für besonders verheißungsvoll?

Kerkhoff: Über kirchliche Bildungsarbeit werden oftmals Menschen erreicht, die keinen engen Kontakt zur Kirche mehr haben und die dennoch Orientierung für ihr Leben suchen. Der Krieg in der Ukraine, der Klimawandel und die Pandemie, das alles überfordert uns, wie der Soziologe Armin Nassehi konstatiert. Die Zusammenhänge sind komplex. Populismus und Propaganda vereinfachen diese komplexen Zusammenhänge. Hier sehe ich unsere Aufgabe, unterschiedliche Positionen und Gruppen in einen Diskurs zu bringen auf der Grundlage fundierten Wissens und so zu eigenständigem Denken und selbstbestimmtem Handeln anzuregen. Viel Potenzial bietet auch der Diskurs zwischen Glaube/Theologie und Naturwissenschaft und die Frage nach Gott.

Wie binden Sie sich dabei ein in die unterschiedlichen Bildungsinstitutionen?

Kerkhoff: In der Kooperation mit verschiedenen Fakultäten der Universität sehe ich eine Aufgabe im Wissenstransfer und dem interdisziplinären Austausch im Blick auf unterschiedliche Akteure der Zivilgesellschaft. Auch abschlussbezogene Bildungsmaßnahmen erfreuen sich großer Nachfrage. Ein gutes Beispiel ist das ECHA- Diplom zur Potenzialförderung für Lehrkräfte in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Centrum für Begabungsforschung (ICBF) an der hiesigen Universität. Zunehmend werden auch Aufgaben einer Qualifizierung von Mitarbeitenden in der Kirche – vom Führungskräfteseminar bis zu einer mehrjährigen Ausbildung in systemischer Organisationsberatung – angeboten.

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