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Mit Wind und Wade um die Welt

Künstlerin Katharina Kneip umrundet einmal die Nordhalbkugel – zu Fuß

Münster

Flugzeug, Auto oder Zug - wir reisen mit hohem Tempo durch die Welt. Katharina Kneip geht einen anderen Weg - im wörtlichen Sinne. Die Künstlerin startet am 29. Januar 2023 von Münster aus zu einer Umrundung der Nordhalbkugel der Erde – zu Fuß!

Von Gerhard H. Kock

Die Künstlerin Katharina Kneip macht sich am 29. Januar von Münster aus auf den Weg, zu Fuß die Nordhalbkugel zu umrunden. Im Projekt „Round:Motion“ will sie auf entschleunigte Weise Natur, Kultur und Menschen erkunden, sich mit ihnen zu vernetzen. Foto: Katharina Kneip

Der chinesische Philosoph Laotse prägte die Einsicht: „Auch der weiteste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.“ Den macht Katharina Kneip am 29. Januar um 9 Uhr am Dom zu Münster. Und ihr Weg ist lang. Sehr lang. Mindestens 25 000 Kilometer und mehrere Jahre. Die Künstlerin aus Münster will einmal die Nordhalbkugel der Erde umrunden – das Festland zu Fuß, das Wasser per Segelboot – gleichsam mit Wind und Wade um die Welt.

Das ist die voraussichtliche Route. Foto: Kneip

Was oberflächlich nach Reiseabenteuer und Naturromantik klingt, ist in seiner Dimension und Tiefe anders: Das Kunstprojekt von Katharina Kneip mit dem Titel „Round:Motion“ konterkariert Zeitgeist-Phänomene des Reisens. Im Austausch mit lokalen Vertretern aus Kunst und Wissenschaft sowie im Erleben von Flora und Fauna, Landschaft und Witterung will die Absolventin der Kunstakademie Münster (Meisterschülerin von Mariana Castillo Deball) Projekte entwickeln und auf ihrer Website veröffentlichen, die Teil eines wachsendes Netzwerks werden sollen. Im April wird Kneip zum Beispiel in Oslo mit einer Tänzerin eine Performance gestalten. Während der Tour organisiert sie für Mai eine Ausstellung in Litauen. Die Künstlerin will in der entschleunigten Bewegung des Gehens Natur, Kultur, Menschen erkunden – eine Art Feldforschung auf Jahre hin. Kneip rechnet damit, sechs oder sieben Jahre unterwegs zu sein, bis sie wieder in Münster ankommt. „Es ist eine Lebensentscheidung“, sagt die heute 32-Jährige.

Ursprünglich sollte es in Laufrichtung Osten gehen. Putins imperialistischer Angriffskrieg machte ihr einen Strich durch die Planung. Jetzt geht es zunächst gen Norden. Im ersten Jahr wird sie 3000 Kilometer gehen bis Kirkenes. Dort, in Nord-Norwegen, will Kneip überwintern, arbeiten und auf einem Segelboot anheuern, das sie nach Kanada bringt. Vielleicht 2026/27 stünde die Münsteranerin an der Beringstraße zwischen Alaska und Sibirien. 85 Kilometer vor ihr liegt dann hoffentlich der Weg durch ein Russland, in dem kein Krieg mehr herrscht. Kneip hat allerdings zur Not auch eine Umgehungsroute durch China und die Mongolei als Plan B.

Das Logo des Projekts „Round:Motion“ Foto: Katharina Kneip

Überhaupt ist Katharina Kneip gut vorbereitet. Seit mehr als zwei Jahren ist sie mit Recherche, Geographie und Bürokratie beschäftigt. Und Fitness: Die 1200 Kilometer von Wien nach Münster ist sie schon gegangen, geht im Kanal schwimmen – jeden Morgen. Für das Projekt hat sie sich eine Hintergrundinfrastruktur geschaffen: Ihre Schwester übernimmt die Buchhaltung mit Vollmachten, zwei Helfer stehen in Münster bereit, um beispielsweise Winter-Equipment nachzuschicken. Ihr Startgepäck hat Kneip auf acht Kilo runteraussortiert, aber für frostige Witterung und Jahreszeit braucht es mehr – auf 60 Kilogramm summieren sich dann Ausrüstung, Pulka-Schlitten sowie Verpflegung.

„Round:Motion“ ist als Langzeitprojekt bislang zum größten Teil aus Ersparnissen (Arbeit, Stipendien und Kunstpreise) eigenfinanziert. Ein Crowd-Funding soll weitere Jahre finanzieren. So können sich Förderer beispielsweise mehrmals im Jahr von den unterschiedlichsten Orten der Tour von Katharina Kneip individuelle und original gezeichnete Postkarten zuschicken lassen.

Die Route im ersten Jahr - von Münster nach Kirkenes. Foto: Katharina Kneip

Der Gang der Künstlerin Katharina Kneip kann im Kontext der „Promenadologie“ von Lucius Burckhardt, der Feldforschung von Lili Fischer, der existenziellen Performances in Grenzbereichen von Marina Abramovic gesehen werden. Indes setzen das zeitliche und räumliche Volumen andere Maßstäbe. Und Kneip erkundet mit dem Ergehen der Erde das Erleben von Entschleunigung, analogen Beziehungen zu fremden Menschen, sich langsam verändernden Naturlandschaften – die „Übereinstimmung zwischen innerer und äußerer Bewegung“ (Rebecca Solnit: „Wanderlust. Eine Geschichte des Gehens“). Und das geht nur durch Gehen, was schon der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau erkannte: „Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche fahren, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuß gehen.“

Diese Zeitung wird das mehrjährige Projekt mit einer regelmäßigen Berichterstattung begleiten.

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