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Lesung im Paul-Gerhard-Haus

Mulgheta Russom: Blinder Sportler auf Erfolgskurs

Münster

Fans ärgern sich manchmal über vermeintlich „blinde“ Fußballer. Doch ein Fußballer, der wirklich blind ist und trotzdem Tore schießt, verdient unbedingt Respekt. Mulgheta Russom heißt der Sportler, dem nun ein eigenes Kinderbuch gewidmet wurde.

Von Johan Sühling

Sie stellten das Kinderbuch „Mulgheta“ im Paul-Gerhardt-Haus vor (v.l.): Verlegerin Akoss Ofori-Mensah, Sarah Giese, Moderator Malte Wulfinghoff und Mulgheta Russom. Foto: Johan Sühling

Es ist der 17. Juli 2016. Der MTV Stuttgart spielt gegen den Chemnitzer FC. Mulgheta Russom hat den Ball und dribbelt auf die Abwehrkette der Chemnitzer zu. Mit einem feinen Trick, der an Jay-Jay Okocha erinnert, lupft er den Ball über die Verteidiger, sprintet an ihnen vorbei und kommt noch vor dem Torwart an die Pille, den er aus kurzer Distanz überwindet.

Ein klarer Anwärter auf das Tor des Monats. Fussball.de sah das ähnlich und krönte die Bude zum Amateurtor des Monats. Was man bei dieser Spielszene gar nicht vermutet: Russom ist blind. Am Montag stellte er das Kinderbuch „Mulgheta: Ein Tag im Leben eines blinden Fußballspielers“ über ihn im Paul-Gerhardt-Haus vor.

Mit sechs Jahren aus Eritrea geflohen

Russom floh mit sechs Jahren aus seiner Heimat Eritrea nach Deutschland, mit 20 verlor er bei einem Unfall sein Augenlicht. Das man trotz dieser Schicksalsschläge ein gelingendes Leben führen kann, beweist seine Biografie.

„Wir wollten mit dem Buch zeigen, dass Erblinden nicht das Ende der Welt ist“, sagte die Verlegerin Akoss Ofori-Mensah, die das Buch auf Englisch in Ghana veröffentlicht hat. In Afrika seien laut Ofori-Mensah Menschen mit Behinderung noch zu häufig zum Betteln gezwungen.

Autorin hat die Blindheit erst gar nicht bemerkt

Dass es auch anders geht, zeigt das Bilderbuch von Patricia Thoma. Es widmet sich mit kindlicher Neugier der Frage, wie man als blinder Mensch eigentlich seinen Alltag meisterten kann – ziemlich gut sogar. Eines von Mulgheta Russoms Hobbys: Fußball hören.

Dass er gar nicht so eingeschränkt in seinem Alltag ist, zeigt auch die Geschichte, wie er die Autorin getroffen hat. „Wir haben uns zufällig bei einer Zugfahrt kennen gelernt, da hat sie erst gar nicht gemerkt, dass ich blind bin“, sagte der 43-jährige.

Auch über Perspektiven von blinden Menschen in Deutschland und Ghana diskutierten Russom und Ofori-Mensah. Denn auch wenn ein Alltag für sie gelingen kann, Hilfe wir dennoch benötigt. Etwa durch Blindenleitsysteme. „Viel zu häufig wird hier an den falschen Ecken gespart. Was das angeht, ist Deutschland noch ein Entwicklungsland“, fand Russom.

Sein Buch ist ein voller Erfolg. Beweis dafür: Aktuell ist es auf Deutsch vergriffen.

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