1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Muenster
  6. >
  7. Münster erlebt größte Demo der jüngeren Stadtgeschichte

  8. >

Klimastreik

Münster erlebt größte Demo der jüngeren Stadtgeschichte

Münster

Farbenfrohe Transparente, selbst gemalte Plakate, kreative Kostüme: Der Klimastreik durch Münsters Innenstadt war bunt, aber vor allem riesig. Am Freitag kam eine der größten Demonstrationen zusammen, die die Stadt je erlebt hat.

Pjer Biederstädt

In Münster wurde wie in vielen anderen Städten für mehr Klimaschutz demonstriert. Foto: Oliver Werner

Der Klimastreik durch Münsters Innenstadt mit über 20.000 Teilnehmern war friedlich, stimmungsvoll und vor allem bunt. Besonders auffällig war schon zu Versammlungsbeginn um zehn Uhr am Prinzipalmarkt die Vielzahl der Plakate mit originellen Sprüchen. „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“ stand auf einem Pappschild. „Hier könnte ihr Meeresspiegel stehen“ war ganz oben auf einem anderen Transparent zu lesen. Auch in anderen Städten des Münsterlandes gingen Menschen auf die Straße – nicht nur Schüler, sondern vielerorts auch Erwachsene.

Doch nicht alle beließen es bei schriftlichen Botschaften. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, schrien die Schüler aus der münsterischen Primus-Schule als sie den Servatiiplatz passierten. Die Gruppe „Singing for Future“ um den münsterischen Arzt Dirk Guntenhöner spielte und sang mitten im Protestzug altbekannte Songs mit neuen, auf das Klima gemünzten Texten. Ensemblemitglieder und Mitarbeiter des Stadttheaters hatten sich mit weißen Anzügen und Rankgewächsen aufwendig kostümiert.

Teilweise erhebliche Verkehrsbeeinträchtigungen

In Münster gingen Polizeiangaben zufolge über 20.000 Menschen auf die Straße „Wir haben mehr als doppelt so viele mobilisieren können wie erhofft“, sagte Sophia Kegel, Sprecherin von „Fridays for Future“ Münster. Angemeldet waren lediglich 10.000 Teilnehmer. Es war die größte Demonstration der jüngeren Stadtgeschichte.

Bei dem zwei Kilometer langen Zug durch die Innenstadt und das Hansaviertel habe es keinerlei Zwischenfälle gegeben, so Polizeisprecher Andreas Bode. Während der Kundgebung kam es im Innenstadtbereich zu teilweise erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen.

Großdemos in Deutschland

Hunderttausende Demonstranten sind am Freitag bundesweit bei einem neuerlichen großangelegten Klimastreik auf die Straße gegangen. Allein in Berlin folgten nach Angaben der Organisationen 270.000 Menschen einem Aufruf der Bewegung Fridays for Future und zahlreicher anderer Organisationen, um für mehr Klimaschutz zu protestieren.

In Deutschland sind in den vergangenen Jahren immer wieder Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen, um ihren politischen Zielen  Nachdruck zu verleihen.

► Aus Protest gegen die Freihandelsabkommen  mit den USA und Kanada (TTIP und Ceta) demonstrieren im Oktober 2015 mindestens 150.000 Menschen in Berlin.

► Im November 1992 gehen allein in Berlin mehr als 300.000 Menschen gegen Gewalt an Asylbewerbern auf die Straße. Im Dezember protestieren deutschlandweit etwa 1,5 Millionen Menschen gegen Fremdenhass.

► In Leipzig läuten 1989 Montagsdemonstrationen die friedliche Revolution in der DDR ein. Allein am 23. Oktober ziehen knapp 300.000 Menschen durch die Stadt. Am 4. November 1989 demonstrieren bis zu eine Million DDR-Bürger auf dem Berliner Alexanderplatz.

► In der Bundesrepublik kommen in den 1980er Jahren mehrfach Hunderttausende zu Aufmärschen der Friedensbewegung. Im Oktober 1981 protestieren in Bonn etwa 300.000 Menschen.

„Ich will ein gutes Beispiel für meine Kinder sein“

Die „Fridyas for Future“-Bewegung hatte ihren Aufruf diesmal auch an Gewerkschaften, Kirchen, Umweltverbände und zahlreiche andere Organisationen gerichtet. Das Ergebnis: Bei der Demonstration gingen nicht mehr nur Schüler und Studenten, sondern vermehrt Erwachsene auf die Straße. Eine von ihnen war die 32-jährige Vera Trendelkamp: „Ich will ein gutes Beispiel für meine Kinder sein, denn ich kann nicht erwarten, dass sie geradebiegen, was wir verbockt haben“, sagte die Mutter eines sieben Monate alten Sohnes.

Kommentar: Taten müssen folgen

Münsters Klimabewegung ist in neue Dimensionen vorgestoßen. 10 000 Teilnehmer hatten die Veranstalter von „Fridays for Future“ angemeldet, am Ende kamen mehr als doppelt so viele. Es ist die größte Demonstration der jüngeren Stadtgeschichte und ein weit über die Stadtgrenzen hinaus wahrnehmbares Zeichen dafür, dass den Münsteranern der Klimawandel nicht gleichgültig ist.

Dieses Signal ist deshalb besonders stark, weil nicht mehr nur die zu lange belächelten Schüler und Studenten auf die Straße gegangen sind, sondern vermehrt Erwachsene. Die Teilnahme von Kirchen, Gewerkschaften und vielen anderen Organisationen stellt die Forderung nach wirksamer Klimapolitik auf den festen Untergrund der Stadtgesellschaft.

Friedliche Demonstranten, besonnene Polizeiarbeit und geduldige Verkehrsteilnehmer haben eine gute Sache noch besser gemacht. Jetzt gilt es für jeden einzelnen mehr denn je, nach dem Zeichensetzen auch Taten folgen zu lassen. In der Sonne zu demonstrieren ist leicht, das Auto mal stehen zu lassen, viel schwerer.

- Pjer Biederstädt

Startseite