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„Faust 1“ in Münsters Großem Haus radikal entschlackt

Nachtschwarze Goethe-Etüde

Münster

Der grüblerische Faust und der gewitzte Mephisto sind das klassische deutsche Dramen-Duo. In Münster kommt der erste Teil von Goethes großem Welttheater jetzt ungewohnt düster daher.

Von Harald Suerland

Gretchen (Lea Ostrovskiy) wird von Faust (Ilja Harjes, M.) begehrt. Ihm im Rücken lauert Mephistopheles (Jonas Riemer). Foto: Oliver Berg

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“, spricht der marmorweiße Mann an der Rampe, und der Zuhörer staunt: Wird doch hier tatsächlich die „Zueignung“, die Goethe seinem „Faust“ vorangestellt hat, auf die Bühne gebracht. Sie geht unmittelbar über in den „Prolog im Himmel“: Der Herr und Dichter ist von zwei Erzengeln flankiert und behält die erhabene Stilhöhe der Deklamation selbst im Gespräch mit Mephistopheles bei, der ihm den wissensstrebenden Doktor Faust abspenstig machen will. Und im nachtschwarzen Raum des Großen Hauses beschleicht einen der Verdacht, dass der eloquente Teufel nur eine weitere Marionette des marmornen Herrn ist. Was sich später bestätigt, wenn der Herr den Mephisto als Pudel an der Leine führt oder seine Geisterhelfer im Hintergrund mitmischen.

Christoph Mehler, der Regisseur dieser Neuinszenierung, nimmt seinen „Faust“ offenbar so ernst, dass er ihn zur radikalen Denk-Etüde verdichtet. Alles Heitere, Populäre aus Goethes Text bleibt zumindest bis zur Gretchenhandlung ausgespart: kein Vorspiel auf dem Theater, kein Osterspaziergang, keine Schülerszene, kein Auerbachs Keller. Stattdessen Statuarik zwischen Vorhängen und Stoffbahnen, und Ilja Harjes muss die Empfindungen der Titelfigur rein sprachlich vermitteln – was ihm auf bewunderungswürdige Art gelingt. Bisweilen entwerfen der Regisseur und Ausstatterin Jennifer Hörr große Bilder wie Kreuzigungsgruppe und Pietà zur Osternacht, während die Zwischenmusiken von David Rimsky-Korsakow an ein kreischendes Zerrbild sphärischer Harmonien gemahnen.

Ein wenig ändert sich der Stil im zweiten Teil, wenn der nun bürgerlich gewandete Faust auf Gretchen mit ihren roten Äpfeln trifft. Nicht er, sondern sie wirkt hier in der Darstellung Lea Ostrovskiys reichlich keck, und wenn Nicola Lembach als Marthe im Gespräch mit Mephisto den Humor der Szene bestens bedient, dann darf auch Jonas Riemer jenen ironischen Teufelskerl zeigen, der ihm im ersten Teil weitgehend verwehrt blieb. Dass Gretchen in manchem Dialog eher ihn als den verliebten Faust anspricht, mag man als Beleg für ihre aktive Haltung nehmen, die im Programmheftgespräch mit dem Regisseur thematisiert wird. Doch das strippenziehende Geisterduo (Rose Lohmann und Julian Karl Kluge) bleibt bis zuletzt aktiv, und Gretchens Gefährtin sieht nicht von ungefähr dem von Gerhard Mohr verkörperten Herrn verteufelt ähnlich.

Was Goethe im (gestrichenen) Vorspiel die „Lustige Person“ sagen lässt, „Greift nur hinein ins volle Menschenleben!“, das findet hier bewusst nicht statt – mancher Zuschauer mag wehmütig an den schrillen „Urfaust“ im Kleinen Haus zurückdenken oder daran, wie einst Markus Kopf die gesamte Tragödie gerockt hat. Christoph Mehlers Darstellung weckt eher Hauptseminar-Assoziationen – sogar in ihrer Dauer, die die angekündigten zwei Stunden unterschreitet. Immerhin entflammt zum stilisierten Walpurgisnacht-Ballett gleißendes Licht, Paul Maximilian Schulze stirbt „als Soldat und brav“ an einer Gewehrkugel, und Gretchen legt Ketten ab, die an Fausts Geschmeide erinnern. Details, die sich aber kaum zur klaren Deutung runden.

Die nächsten Termine: 2., 3., 5. und 8. Oktober

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