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Interview mit Tom Feuerstacke

Norbert Krevert ist Visionär aus Leidenschaft

Münster

Norbert Krevert führt seit 2019 mit seinem Team die Geschicke des Fußballkreises Münster. Was Ehrenamt für ihn bedeutet und welche Vision er für die nächsten fünf Jahre in der Vereinsentwicklung hat, hat er im Interview mit Tom Feuerstacke erzählt.

Norbert Krevert Foto: Stadgeflüster

Wer sich im Vereinsleben auskennt, weiß, wie schwer es ist, die unterschiedlichsten Interessen unter einen Hut zu bringen. Wie schwer muss es sein, sich für die Belange von 40.000 Menschen einzusetzen? Alleine ist es unmöglich, diese Aufgabe zu bewältigen. Im Team ist das schon eher möglich. Und wie groß muss eine solche Mannschaft sein, die zusammen an einem Strang zieht, damit Geschicke sich in die richtige Richtung bewegen? Das ist gar nicht so einfach, wenn sich eine Gesellschaft so entwickelt, dass das Ehrenamt sich nicht der größten Beliebtheit erfreut. Also gilt es, immer neue Skills zu entwickeln, die diese Aufgabe attraktiver machen.

Norbert, was bedeutet für dich „Ehrenamt“?

Ehrenamt bedeutet für mich, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Somit stellt man sich in den Dienst der Gesellschaft. Man lernt unglaublich viele Menschen kennen und wächst an Herausforderungen. Letztendlich bedeutet Ehrenamt, dass man einen Teil seiner Freizeit investiert.

Gibt es einen Nachteil, den du im Ehrenamt siehst?

Das Ehrenamt bedeutet schon den Verlust von Freizeit, der dadurch zustande kommt, dass es oftmals an Mitstreitern fehlt. Es ist von daher schade, dass diese wichtige Aufgabe auf zu wenige Schultern verteilt wird. Besonders die junge Generation wird lernen müssen, dass dieses Engagement bedeutet, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben. Besonders bei den jungen Menschen fehlt es etwas an dieser Bereitschaft.

Hast du den Eindruck, dass diese freiwilligen Aufgaben genügend Würdigung finden? Am Ende kann besonders ein Dankeschön vieles bewegen.

Jede Menge Schulterklopfer-Abende zu erwarten, wäre sicherlich der falsche Ansatz. Wir vom FLVW-Kreis 24 führen jedes Jahr den Ehrenamtstag durch, an dem die Top-Freiwilligen in den Vereinen geehrt werden. Man übt ein Amt aus, weil man sich für eine Sache einsetzen möchte. Das passt mit dem Streben nach einem ständigen Dankeschön nicht zusammen. Ich habe allerdings auch nicht den Eindruck, dass das Gedankenspiele der Amtsträger sind. Auch ist dieser Gedanke kein wirklicher Hinderungsgrund, um Freiwillige zu finden. Am Ende wäre ein Dankeschön zu wenig für die vielen Stunden, die für diese Aufgaben benötigt werden. Wobei ich mir sicher bin, dass hin und wieder ein Dankeschön in der Gesellschaft allgemein nicht schadet und auch zu selten geäußert wird.

Wie viele Mitglieder haben wir im Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen im Kreis 24 Münster?

Wir haben in den angeschlossenen Vereinen circa 40000 Mitglieder. Die teilen sich auf 100 Sportvereine auf. Davon sind 75 Vereine reine Fußballvereine mit 950 Mannschaften, den größten Teil der Teams bilden Juniorinnen und Junioren. Wir führen diesen Kreis mit etwa 45 ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Was schätzt du, wie hoch die Zahl derjenigen ist, die sich in einem Verein freiwillig engagieren?

Das kann ich nur schätzen. Das ist stark abhängig von der Vereinsgröße. Da braucht es bei den größeren sicherlich 30 bis 40 Verantwortliche, die den Verein organisieren. Bei den kleineren Klubs sprechen wir von fünf bis sechs Personen. Hinzu kommen noch Trainer und Betreuer, die natürlich nicht fehlen dürfen. Wir sprechen von einem deutlich vierstelligen Bereich.

Zur Person: Norbert Krevert

Wenn man mit Vereinen spricht, wird die Suche nach Freiwilligen, die den Verein unterstützen oder leiten, immer schwieriger. Welchen Eindruck hast du, woran es liegen könnte, nur schwerlich Personen für die Vereinsarbeit zu gewinnen?

Das ist einem Wandel in der Gesellschaft geschuldet. Nicht wenige betätigen sich, weil sie Geld verdienen wollen. Andere wiederum wollen sich nicht für einen längeren Zeitraum verpflichten. Ein Projekt, das klar definiert ist in seinem Aufwand von fünf bis sechs Monaten, lässt sich einfacher vermitteln und man findet da schneller Freiwillige. Das ist eine neue Form des Ehrenamtes. Diese reine Projektarbeit verspricht eine höhere Attraktivität. Allerdings ist die Hauptvereinsarbeit kein kurzfristiges Projekt.

Du hast einen Neujahrsgruß an die Vereine verschickt. Du sprichst in dem Schreiben davon, dass die Vereine in Münster auf einem richtigen Weg sind. Was ist die richtige Richtung und wo führt der Weg hin?

Es sind viele Bereiche, die ich mit der Aussage angesprochen habe. Wir führen wieder sportliche Großevents durch. Das zeigt, dass wir die Problematiken der letzten Jahre bedingt durch die Pandemie hinter uns gelassen haben. Außerdem haben wir den Eindruck gewonnen, dass sich die Aktiven wohlfühlen, wenn wir die Sportplätze besuchen, dass der Sport wieder in der Gesellschaft angekommen ist und gefehlt hatte. Vor allem stellen wir fest, dass Ruhe eingekehrt ist in den Teams. Das ist vor allem durch das vorausschauende Verhalten der Verantwortlichen geschehen, die einige dicke Bretter bohren mussten. Da kann man gar nicht dankbar genug sein. Denn das ist die Grundvoraussetzung, dass das Vereinsleben funktioniert.

Das ist eine berechtigte Lobhudelei. Ich weiß aber auch, dass Sorgen deine Stirn regelmäßig in Falten legen. Was sind diese Sorgen und worin liegen sie begründet?

Zum einem haben wir aufgrund der Coronapandemie Mannschaften im Kreis verloren, die sich in der Vergangenheit aus dem Spielbetrieb abgemeldet haben. Das ist eine traurige Entwicklung. In kleinen Vereinen haben fünf Spieler, die den Weg aus der Pandemie zurück in den Sport nicht gefunden haben, schon den Ausschlag gegeben. Hinzu kommt, dass wir im älteren Teenagerbereich Probleme haben, Mitglieder an Vereine zu binden und sie für den Sport zu begeistern. Es sind Konzepte, die wir jetzt erarbeiten, um diesem Trend entgegenzuwirken.

Bist du dir sicher, dass ihr vom Kreis die Sorgen der kleinen Vereine wirklich zur Kenntnis nehmt? Ist da nicht die Gefahr, dass diese Sorgen, im Vergleich zu denen, die die großen Klubs haben, nicht wahrgenommen werden?

Die bekommen wir schon mit. Ich persönlich bin in einem kleinen Verein groß geworden und habe dem Verein lange vorgestanden. Von daher kenne ich Sorgen, Ängste und Nöte. Bevor es zu einer Mannschaftsabmeldung kommt, werden intensive Gespräche geführt, bei denen wir gemeinsam nach möglichen Wegen aus der Krise suchen. Wir können dabei helfen, Ideen zu kreieren. Wir können den Vereinen aber leider keine Sportler zur Verfügung stellen.

Welche Vision hast du für die nächsten fünf Jahre, was Vereinsentwicklung und Mannschaftsstärken betrifft?

Ich bin der Überzeugung, dass es eine gesellschaftliche Herausforderung ist, der wir uns stellen müssen. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir diesen Trend, der sich gerade abzeichnet, umkehren können. Vier bis fünf Jahre scheint mir ein gutes Zeitfenster zu sein, in dem wir vieles stabilisieren können. Besonders können wir Konzepte erarbeiten, die kleinen Vereinen entgegenkommen. Da hoffen wir, dass wir in der kommenden Saison bereits erste Auswirkungen sehen werden. Dabei geht es um angepasste Spielsysteme. Außerdem wollen wir Vereinsleben sichern und familiärer gestalten.

Du hast in der Vorsaison die Bedenken geäußert, dass mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebes nach Corona der Umgang auf dem Platz deutlich ruppiger geworden war. Das scheint sich 2022/23 im Trend nicht fortgesetzt zu haben. Was hat den Ausschlag gegeben, dass sich die Dinge wieder in die richtige Richtung bewegen?

Letzte Saison hatten wir unfassbar viele Aggressionen auf den Fußballplätzen unseres Kreises. Tätlichkeiten und verbale Entgleisungen. Vornehmlich gegen Schiedsrichter. Wir haben in solchen Fällen massiv durchgegriffen. Wir haben intensive Gespräche mit den Vereinen geführt und auf Kreiskonferenzen dafür geworben, dass es nicht unser Kreis sein kann, in dem sich ein solches Verhalten breitmacht. Die Vereine haben offensichtlich stark auf ihre Mitglieder eingewirkt. Wir werden auch weiterhin im Gespräch bleiben, um diesen positiven Trend fortzusetzen. Wir werden aber auch weiterhin bei Verfehlungen, die über einen gesunden Rahmen hinausschießen, hart durchgreifen. Dabei werden verbale Entgleisungen rassistischer oder sexueller Natur nicht unter 500 Euro Geldstrafe belegt. Wir wollen nicht mehr, dass Schiedsrichter, Spieler, Offizielle oder Zuschauer Opfer von Kraftausdrücken werden. Sicherlich bewegen wir uns in unserem Kreis im Tal der Glückseligen, was die Taten im Vergleich zu andern Kreisen betrifft. Wir wollen, dass das so bleibt.

In den letzten Jahren gab es Vorfälle, die den Vereinen und somit der Gesellschaft geschadet haben. Ich spreche von sexuellem Missbrauch bei Jugendlichen. Körperliche und verbale Übergriffe auf und neben dem Platz. Ihr habt immer schnell reagiert. Besonders was die Präventionsarbeit betrifft, wurde mit Irmi Venschott eine Person gefunden, die großartige Arbeit leistet – und das ehrenamtlich. Hast du trotzdem das Gefühl, dass du in der Vergangenheit in mancher Situation anders hättest handeln müssen?

Wir als Team hatten drei große Krisen. Missbrauch von Kindern. Da haben wir mit Irmi eine Frau, die das Thema schnell, offensiv und transparent angegangen ist. Das war wichtig, um noch größeren Schaden, der ohnehin schon entstanden war, abwenden zu können und besonders Kinder besser schützen zu können. Danach kam direkt Covid. Was uns direkt die nächste Krise bescherte. Wir haben Entscheidungen treffen müssen, die es nicht jedem recht gemacht haben. Aber insgesamt war hier am Ende der Schaden, der uns ereilte, gering. Und das Problem mit den Entgleisungen, was sich zu einer Krise entwickelte, haben wir schnell in den Griff bekommen. Von daher glaube ich, dass wir als Team gut funktioniert und gehandelt haben. Ich denke nicht, dass es Situationen gab, in denen wir hätten anders handeln sollen.

Norbert, wir beide sind sehr lange befreundet und begleiten uns seit vielen Jahrzehnten in unserem Sport. Wir führen viele Diskussionen durchaus mit harten Bandagen auf Augenhöhe mit offenem Visier. Wo siehst du uns beide in 30 Jahren am 2. Weihnachtstag?

(Lacht) Ich sehe uns beide gesund hier in der Halle Berg-Fidel bei den Stadtmeisterschaften der Herren im Fußball. Du als Ehrenvorsitzender des Jugoslawischen Klub Mladost und ich als Ehrenvorsitzender des Kreises.

Das sehe ich als erreichbares Ziel für uns als über Achtzigjährige. Danke für das Gespräch und bleibe gesund.

Das sehe ich auch so. Alles Gute dir.

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