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Hawerkamp-Stipendiatin in der Ausstellungshalle: Lisa Nachtmans

Nur keine Ehrfurcht

Münster

Ein Jahr am Hawerkamp. Das prägt. Die aktuelle Stipendiatin hat aus ihrem Jahr eine Abschlussausstellung geschaffen, die ein Erlebnis ist.

Von Gerhard H. Kock

Lisa Nachtmans war ein Jahr lang Stipendiatin am Hawerkamp und zeigt zum Abschluss eine Ausstellung zur Malerei – auch wenn es nicht danach aussieht. Foto: Gerhard H. Kock

Auf den ersten Blick wirken die Objekte wie ein Parcours zur Verkehrserziehung. Dabei handelt es sich im Grunde um eine Malerei-Ausstellung. „Navigation“ nennt Lisa Nachtmans ihre Abschlussarbeit zum einjährigen Stipendiat, das sie am Hawerkamp verbracht hat. Die Studierende der Kunstakademie Münster befragt das Verhältnis des betrachtenden Subjekts zum wahrgenommenen Objekt, und das höchst körperlich.

Es ist eine lehr- und erlebnisreiche Kunst, die Lisa Nachtmans aufgebaut hat. Ihre Gemälde in Rot und Weiß zeigen einen aufklärerischen Impetus. Es ist jeweils eine über einen Rahmen drapierte und lackierte Leinwand, angelehnt an Plastikhocker. Malerei als ein Theater mit Kulissen, eine Inszenierung.

Verkehrszeichen, die sie auf dem Hawerkamp-Gelände gefunden hat, sind in jenen Weg integriert, den der Kunstfreund abgehen kann. Nachgebildet wird gleichsam ein museales Verkehrssystem. Das kennt man: vorgegebene Wege, auf denen einem Bilder und Skulpturen begegnen; manches darf aus der Nähe, das meiste nur aus Distanz betrachtet werden. Diese Art von Respekt ist in dieser Ausstellung obsolet. Hier heißt es: Nur keine Ehrfurcht!

Nachtmans hat Skulpturen geschaffen, die bewegt, bestiegen, ja getreten werden sollen. Dem konditionierten braven Museumsbesucher verlangt es einiges ab, die große weiße Bodenskulptur zu treten und damit ins Schaukeln zu bringen. Oder gar ein Objekt zu betreten. Die Sohlenabdrücke darauf sind im engeren Sinne keine Kunst, sondern Nutzungspuren. Der Besucher soll animiert werden, gegen die aufrechten Platten zu treten, woraufhin sie zur Treppenstufe werden. Doch Obacht: Auf der zweiten Treppenstufe erhöht sich das Risiko. Die bewältigte Stufe klappt wieder hoch, hinter einem liegt nun ein „Abgrund“, und vor einem tut sich die höchste Platte auf, die es herunterzutreten und zu besteigen gilt. Da auch die zweite Stufe hinter einem hochklappt, bleibt dem Kunst-Benutzer nur, zu springen. Wer will, kann darin auch eine Metapher für das Leben sehen.

Verkehrsbaken hat Nachtmans zu drehbaren Skulpturen umgebaut. In einer blauen Box kann man eine Leitbake mit Blitzleuchte herumsausen lassen wie bei einem Glücksrad, allerdings ohne jene Felder, die Glück oder Reichtum versprechen. Dafür ist Aufmerksamkeit gefordert. Weil die Bake auf einer Schraube montiert ist, kommt einem hier das Glück tückisch entgegen. Am Ende steht mitten in einem Kreisverkehr das Schild „Vorgeschrieben Fahrtrichtung“. Der weiße Pfeil auf blauem Grund zeigt zur Erde, auf das Hier und Jetzt. Zeit für Muße und die Frage: Was soll einem der Spazierstock ohne Liebesperlen von der Kirmes sagen?

Die Ausstellung ist am Samstag (22. Oktober) von 15 bis 18 Uhr, Sonntag (23. Oktober) von 12 bis 18 Uhr sowie während der Offenen Ateliers am Hawerkamp vom 28. bis 30. Oktober zu sehen.

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