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Borchert-Theater thematisiert mit dem Stück „Leg einfach auf!“ den „Enkeltrick“

Opa und die suggestive Telefonkaskade

Münster

Regisseurin und Chefdramaturgin Tanja Weidner, der Autor Felix J. Mohr und das Ensemble des Borchert-Theaters entdecken ein neues Genre für die Bühne: Betrugsaufklärung! Das Lehrstück „Leg einfach auf“ feierte jetzt Uraufführung. Es ist Theaterstoff und Lehrstück zugleich. Und kann mobil gebucht werden!

Rentner Wolfgang Schneider (Jürgen Lorenzen) gerät in Not. Pseudo-Enkelin Johanna (Erika Jell) und der falsche Polizist Müller (Alessandro Scheuerer) drängen ihn zur Geldübergabe. Foto: Annika Bade

Das hat es noch nie in Münsters Borchert-Theater gegeben: Das Haus liefert mit der neuen Produktion „Leg einfach auf!“ ein rund 70-minütiges Lehrstück in Sachen „Enkeltrick“ und übler Betrügerei am Telefon. Regisseurin und Chefdramaturgin Tanja Weidner, der Autor Felix J. Mohr und das WBT-Ensemble entdecken zugleich ein neues Genre für die Bühne: Betrugsaufklärung! Mit Witz und Charme sollen vor allem Ältere vor Trickbetrug am Telefon gewarnt werden.

Und so wirkt das vom kleinen Publikum lautstark gefeierte Stück keinesfalls wie die etwas hölzernen Filmchen einschlägiger TV-Sendungen nach dem Muster „Vorsicht Falle!“ oder „XY ungelöst“, sondern kommt als spannende und unterhaltsame Bühnenproduktion daher.

Nach einer Idee von Wolfgang Weikert, dem Vorsitzenden der Musik- und Theaterfreunde Münster, entstand das humorvolle Kabinettstückchen in enger Zusammenarbeit mit dem Betrugsdezernat der Polizei Münster. Der fiktive Fall basiert auf authentischen und anonymisierten Gesprächsprotokollen polizeibekannter Betrugsfälle des sogenannten „Enkeltricks“.

Das etwa 50-köpfige Publikum im Foyer des Borchert-Theaters verfolgte mit wachsender Anteilnahme, wie sich der Pensionist Wolfgang Schneider (feinnervig und punktgenau: Jürgen Lorenzen) am Telefon ins Unglück zerren ließ. Unter leichtem Tremor und hohem Blutdruck, aber immerhin noch durch Golfclub und Literaturverein sozial eingebunden, vagabundiert Schneider zwischen Fernsehsessel, Fußschemel und klingelndem Telefon hin und her, als sich zunächst die Pseudo-Enkelin Johanna (Erika Jell) und dann der Pseudo-Polizist Müller (Alessandro Scheuerer) vom „Landeskriminalamt“ meldet. Das Betrügerduo ist in der technisch anspruchsvollen und dennoch mobilen Inszenierung jeweils als Schattenriss hinter einer transparenten Wand zu sehen, so dass „Opa“ stets im Zentrum des Geschehens bleibt und angesichts der suggestiven Telefonkaskade von zwei Seiten immer mehr unter Druck gerät. Schließlich ist der alte Mann derart enerviert und weichgekocht, dass er an der Haustür 30 000 Euro an Johannas Pseudo-Freund Lukas überreicht. Kurios wirkt die Idee, das Stück dann bis zur verhängnisvollen Weichenstellung im Eiltempo „zurücklaufen“ zu lassen, um zu demonstrieren, an welcher Stelle der Rentner die falschen Entscheidungen traf. Der Rückruf-Check bei der bekannten Telefonnummer der Enkelin war unterblieben. Eine kurze Nachfrage nach dem angeblichen verdeckten Ermittler bei der Polizei hätte Schneider direkt zu der Erkenntnis geführt, dass es diesen Ermittler, der Schneider auch noch weismachte, sein Telefon abzuhören, gar nicht gab. Erika Jell und Alessandro Scheuerer schlüpfen am Ende noch flugs in die Rolle der aufklärenden Polizisten. Das alles hat Hand und Fuß.

Die Produktion soll demnächst auch mobil buchbar sein sowie in einer virtuellen Fassung via VR-Brille als Theatererlebnis nach Hause gebracht werden können. Im Anschluss an die Vorstellungen ist stets ein Gespräch mit münsterschen Kriminalhauptkommissarinnen geplant. Außerdem wird eine virtuelle 3D-Fassung angeboten. Interessierte können sich eine VR-Brille vom WBT nach Hause liefern lassen und das Stück im eigenen Wohnzimmer sehen.

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