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Prozess im Missbrauchsfall Münster

Polizist sagt aus: „Die Mutter hat uns nicht geholfen“

Münster

Fortsetzung im Missbrauchsprozess: Bei 26 unterschiedlichen Gelegenheiten soll Adrian V. seinen Ziehsohn schwer sexuell missbraucht haben. Als Beamte den Jungen im Mai händeringend suchen, hilft die Mutter des Zehnjährigen aber nicht dabei.

Dirk Anger

Der Hauptbeschuldigte im Missbrauchskomplex Münster verbirgt am Donnerstag sein Gesicht mit einem blauen Aktendeckel. Foto: Dirk Anger

Ihr Sohn befindet sich in den Händen eines mutmaßlichen Kinderschänders, doch die Mutter des Zehnjährigen trägt offenbar nichts zum Auffinden des Kindes bei. „Sie hat uns nicht geholfen“, sagt ein Kriminalhauptkommissar am Donnerstag im Missbrauchsverfahren gegen Adrian V. und vier weitere Angeklagte. Der Zeuge schildert detailliert die Durchsuchung der Drei-Zimmer-Wohnung – aufgeräumt, aber vollgestopft mit IT-Technik und hochwertigem Spielzeug, so die Aussage – in einem mehrgeschossigen Mietshaus im Norden Münsters.

Als dort am 13. Mai spätnachmittags die Wohnungstür „schlagartig“ von den Beamten geöffnet wird, treffen sie nur auf die überrumpelte Lebensgefährtin von Adrian V.. Dabei haben sie gehofft, dort vor allem den gefährdeten Sohn vorzufinden, der mehrfach zum Opfer eines kaum vorstellbaren Missbrauchs durch seinen Stiefvater und durch drei mitangeklagte Männer geworden sein soll. „Wir wollten das Kind in Sicherheit wissen.“ Mit Engelszungen habe man auf die Mutter eingeredet, berichtet der 41-jährige Zeuge, selbst ein Familienvater. „Wir haben die ganze Klaviatur gespielt.“

Auch die Mutter wird zur Verdächtigen

Beim Polizeibeamten verfestigt sich der Eindruck, dass die Mutter „seit Tagen keinen Kontakt mehr zum Kind hatte“, wie er sagt. Angeblich sei ihr Sohn bei Freunden, wo könne sie nicht sagen, berichtet der Zeuge aus dem Gespräch mit der Mutter. Auch den Code für ihr entsperrtes Handy wollte sie den Ermittlern nicht preisgeben. „Es wurde so deutlich, dass sie gegen uns arbeitet.“

Die Angeklagten im Hauptprozess

  • Adrian V. steht im Mittelpunkt des Verfahrens. Er soll über lange Zeit wiederholt Kinder, vornehmlich den Sohn seiner Lebensgefährtin, sexuell missbraucht haben. Zudem bot er den Jungen anderen Männern zum Missbrauch an. Aufnahmen davon verbreitete er.
  • Carina V. war Eigentümerin der Gartenlaube in Münster-Kinderhaus, die regelmäßig Tatort der Missbrauchstaten war. Sie soll die Laube ihrem Sohn und den Mitangeschuldigten in dem Wissen überlassen haben, dass dort Jungen sexuell missbraucht werden sollten.
  • Enrico L. aus Schorfheide soll beim Treffen im April in Münster dabei gewesen sein. Zudem wird ihm vorgeworfen, im August 2018 einen damals neunjährigen entfernten Verwandten und 2020 unter anderem seinen eigenen Sohn (7) missbraucht zu haben.
  • Tobias S. aus Staufenberg soll seinen Sohn (5) mehrfach missbraucht und zum Treffen im April in Münster mitgebracht haben. Zudem missbrauchte er ein Mädchen – die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass es sich dabei um seine Tochter (5) gehandelt hat.
  • Marco S. aus Hannover soll an schwerem sexuellem Missbrauch beteiligt gewesen sein. Der 35-Jährige soll unter anderem vom 24. bis zum 26. April 2020 beim Treffen mit den anderen Angeklagten in der Gartenlaube in Münster-Kinderhaus dabei gewesen sein.

Während die Durchsuchung anläuft, wird die Mutter an diesem Mai-Tag ebenfalls zur Verdächtigen. Bis heute laufen die Ermittlungen gegen die Frau, wie die Staatsanwaltschaft auf Nachfrage mitteilt. Bei der Durchsuchung der Wohnung und des Kellers von Adria V. nehmen die Polizisten 100 Asservate mit, vornehmlich Speichermedien. Der Hauptbeschuldigte könnte vom Eindringen der Polizei in seine Wohnung über einen eingebauten digitalen Türspion erfahren haben. Jedenfalls erscheint wenig später sein Anwalt vor Ort.

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