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Das Drama „Heilig Abend“ feierte eine beeindruckende Premiere im Borchert-Theater Münster

Polizist und Philosophin im Zweikampf

Münster

Ein Polizist und eine mutmaßliche Terroristin im Vernehmungsraum. Das ist die Ausgangssituation für das Drama „Heilig Abend“, das jetzt im Borchert-Theater Premiere feierte. Ein spannender Dialog zwischen Taktik und Emotion.

Von Helmut Jasny

Polizist Thomas (Markus Langer) verhört die Philosophie-Professorin und mögliche Bombenlegerin Judith (Ivana Langmajer) Foto: Klaus Lefebvre

Aristoteles zufolge soll ein Drama nicht springen. Weder zeitlich, noch räumlich und schon gar nicht bei der Handlung. Lebte der Mann noch, hätte er an Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“ seine helle Freude. Das Stück spielt nicht nur komplett in einem Raum, sondern auch noch in Echtzeit. Über exakt 90 Minuten erstreckt sich die Handlung. Und das ist genau die Zeit, die dem Polizisten Thomas bleibt, um zu verhindern, dass eine eventuell von der linken Philosophie-Professorin Judith gebaute Bombe in die Luft fliegt. Am Donnerstag war Premiere im Borchert-Theater.

Hausherr Meinhard Zanger hat für seine Inszenierung ein unpersönlich wirkendes Zimmer auf die Bühne gebaut. Es gibt einen Tisch, zwei Stühle, eine Kaffeemaschine und mehrere Lichtschranken, die sofort zu heulen beginnen, sollte Judith versuchen, den Raum zu verlassen. Sie wurde nämlich verhaftet, direkt aus dem Auto heraus, als sie gerade auf dem Weg zu ihren Eltern war, um mit ihnen Heilig Abend zu feiern. In einem anderen Raum, so erfährt man im Lauf des Abends, sitzt ihr geschiedener Mann, der ebenfalls gefasst wurde.

Markus Langer spielt den Polizisten, manchmal ein bisschen schmierig, manchmal nett und verständnisvoll, immer im Wechsel zwischen gutem und bösem Polizisten. Und er scheint alles über Judith zu wissen – was sie wo und wann getan hat und was sich alles in Ihrem Computer befindet. Moderne Polizeiarbeit. Und damit bringt er sie zeitweise gehörig ins Schlingern. Aber eben nur zeitweise. Denn die von Ivana Langmajer gespielte Judith macht einen hochintelligenten Eindruck. Nicht nur, dass sie ihre Rechte genau kennt, auch scheint sie Thomas’ Strategie zu durchschauen.

Auf diese Weise entsteht ein äußerst spannender Theaterabend – ein Zweikampf, bei dem sich die Gegner belauern, um dann im richtigen Moment zuzustoßen. Es gibt Momente, in denen man sich in einem Thriller wähnt, andere wirken, als wäre man bei Kafka. Es geht auch um das Gewaltmonopol des Staates beziehungsweise um „strukturelle Gewalt versus revolutionäre Gewalt“. Denn das ist der Titel von Judiths 700-seitiger Habilitation, die Thomas gelesen zu haben vorgibt.

Ebenfalls spannend ist, wie Autor und Regisseur die Sympathien auf die jeweiligen Figuren verteilen. Das ist nämlich nie so ganz eindeutig, da sowohl Thomas als auch Judith im Lauf des Stücks immer wieder zwischen Taktik und echter Emotion wechseln. Und dieses durchaus anspruchsvolle Spiel im Spiel gelingt Langmajer und Hennes auf beeindruckende Weise.

Nächste Termine: Samstag, 5. Juni, um 20 Uhr und Sonntag, 6. Juni um 18 Uhr

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