1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Muenster
  6. >
  7. Quartettklänge wie eine Urmasse

  8. >

Preisgekröntes Projekt beim Pianeo-Festival im Waldorf-Saal

Quartettklänge wie eine Urmasse

Münster

Ist das jetzt Neoklassik? Mit ihrem preisgekrönten Projekt „A Winged Victory For The Sullen“ gastierten Dustin O’Halloran und Adam Wiltzie in Münster-

Ulrich Coppel

Musiker im Foto: Ulrich Coppel

Ganz langsam vermischen sich düstere, synthetische oder durch ein Streichquartett erzeugte Klänge und Geräusche. Ahnungsweise richtunggebend sind allenfalls punktuell eingesetzte minimalistische Akkorde, mit denen Pianist Dustin O’Halloran dem düster-nebeligen Ganzen stellenweise einen ruhig pulsierenden Fluss und zugleich ein schimmerndes, sprödes Licht verleiht. Spielt hingegen das Streichquartett solche Akkorde, dann herrscht völliger Stillstand.

So setzen O’Halloran und der Gitarrist und Soundkünstler Adam Wiltzie ihr preisgekröntes Projekt „A Winged Victory For The Sullen“ in eine sehr aufwendig produzierte Show mit Lasern, Nebelanlage und Lichtsäulen am Samstagabend im Konzertsaal der Waldorfschule um. Mit dem Pariser Komponisten Daniel Wohl als Support präsentierten sie zudem einen jungen, in letzter Zeit sehr beachteten Nachwuchskünstler.

Der musikalische Begriff „Neoklassik“, mit dem die Werke von „A Winged Victory For The Sullen“ in Ankündigungen und dem Programmheft beschrieben werden, ist ein Terminus, bei dem genauer hinzuschauen lohnt. Die beiden Macher sind bekannt für Filmmusiken, O’Holloran etwa in Sofia Coppolas „Marie Antoinette“. Bezüge zu zeitgenössischen Komponisten wie dem Briten Max Richter, der ebenfalls Filmmusik schuf, oder Minimalisten wie Steve Reich oder Philip Glass liegen nahe. Doch Richter erschafft auch Re-Kompositionen. Am bekanntesten ist seine vielfach preisgekrönte Version von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Genau wie im barocken Original gibt es in diesem Werk einen Solo-Violinisten und ein Streichorchester, in dem Richter Vivaldis originale Ritornelle in moderne, synthetisch erzeugte, minimalistische Loops verwandelt: ein altes Werk der Programmmusik, zudem stilprägend für den Barock, im Gewand des frühen 21. Jahrhunderts.

„A Winged Victory For The Sullen“ macht das genau umgekehrt, und Daniel Wohl – am Samstag nur mit Klavier, digitalen Klängen und Geräuschen – ebenso. Klassische Bezüge erklingen allenfalls als Abziehbilder in einer audiovisuellen Collage, in der jedoch zahlreiche Bezüge, bei Wohl beispielsweise jazzige Pianostellen, erkennbar waren. So klingt ein Klavier wie Licht und ein Streichquartett wie Urmasse.

Startseite
ANZEIGE