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Das neue Stück des „Theaters Titanick“

Roadmovie ohne pompösen Overkill

Münster

Die Macher des „Theater Titanick“ kommen auch ohne die sonst stilbildende opulente Ausstattung aus: Ihr neues Stück „Trip Over“ zeigt dies.

Von Arndt Zinkant

Road-Movie im pinkfarbenen Ford-Mustang: Eine Szene aus dem Stück „Trip Over“ des Theaters Titanick Foto: Martin Jehnichen

Es ist eine Binsenweisheit: Liebgewordene Dinge werden einem erst richtig bewusst, wenn sie fehlen. Der Gedanke mag dem einen oder anderen „Theater Titanick“-Fan am Freitagabend gekommen sein. Denn der neuen Inszenierung „Trip Over“ mangelte es an vielen Titanick-Zutaten, die man im Laufe der Jahre liebgewonnen hatte. Dem pompösen Overkill an Effekten und Materialien. Den skurrilen Figuren, die dem Personal der Commedia dell‘arte ähneln. Und dem oft naiven Humor, unter dessen Oberfläche sich Tiefgründiges verbirgt.

Große Gefühle und Sehnsucht nach Freiheit

Davon fand sich nur sehr wenig in „Trip Over“, einem Roadmovie auf der Theaterbühne, das große Gefühle, Sehnsucht nach Freiheit oder diverse Rauschzustände aufs Tapet brachte; seien sie nun sexueller oder pharmazeutischer Art. Da ein Roadmovie untrennbar mit der Kinoleinwand verbunden ist, brachte Samia Chancrin (Script und Regie) eine solche in den Hof der Firma Dermasence, wo die Aufführung stattfand. Man erblickte das Geschehen simultan zweifach: Die „realen“ Szenen direkt neben ihrer cinematographischen Verfremdung auf der Leinwand.

Zwischen „Lost Highway“ und „Wild at Heart“

Heraus kam ein Mix aus dem bekannten Titanick-Stil und einer Hommage an die Filme von David Lynch; irgendwo zwischen „Lost Highway“ und „Wild at ­Heart“ spielte sich die Reise eines Liebespaars im pinkfarbenen Ford Mustang ab. Die Autorin stößt den Cineasten mit der Nase darauf, indem sie ihre Leinwand-Lover „Lola und Ocean“ nennt (in „Wild at Heart“ heißen sie Lula und Sailor). Und wie diese brausen sie im Cabrio davon, teils auf der Suche, teils auf der Flucht, angetrieben von Lust und Leidenschaft. Ein bisschen wie gealterte Teenager wirken die Darsteller Laila Nielsen und Georg Lennarz: sympathisch und naiv. Da gibt es Autopannen mit kräftigem Knall aus der Motorhaube, Leinwand-Rückblenden mit Lust und Drogen – und einen sinistren Barkeeper, der die Drogen verabreicht, am Telefon singt und in seiner surrealen Ausstrahlung wirkt, als wäre er einem David-Lynch-Film entsprungen.

„Typisch Titanick“ ist die Machart: Pantomimische Performance statt Dialoge. Technisch präzise Finessen, die mit Live-Kamera und „Green Screen“ arbeiten und den Ford Mustang auf die Piste imaginieren, mit Prärie und weitem Horizont. Und wie immer gute Live-Musik (Conrad Kausch), die mittels Violine und Elektronik das Ganze hypnotisch zusammenhält.

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