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Gesangssolisten der Musikhochschule präsentieren Opern-Stücke

So kompliziert ist die Liebe

Münster

Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Das zeigte beim Opernabend in der Musikhochschule Münster, wo Studierende Kompositionen von Albert Lortzing und Ermanno Wolf-Ferrari präsentierten.

Von Günter Moseler

Mit Albert Lortzings „Die Opernprobe“ (l.) und Ermanno Wolf-Ferraris Opern-Intermezzo „Susannas Geheimnis“ stellten sich Solistinnen und Solisten der Gesangsklassen der Musikhochschule vor. Foto: Moseler

Die Liebe ist die schwierigste einfachste Sache der Welt. Albert Lortzings „Die Opernprobe“ managt musterhaft Liaisons wie Pizzabestellungen, Ermanno Wolf-Ferraris „Susannas Geheimnis“ jedoch sprengt (fast) eine Muster-Ehe – mit einer heimlich gerauchten Zigarette. In der Musikhochschule waren die Einakter als „Opernprojekt 2022“ mit Solisten aus Gesangsklassen zu hören (Einstudierung: Bastian Heymel und Hyolim Chi).

Hyolim Chi perlte am Klavier behutsame Skalen und Gesangslinien: Die Ouvertüre zur „Opernprobe“ signalisiert den Ausschluss aller Konflikte vor allem Anfang. Auch das Plauder-Parlando zwischen Hannchen (schöner Sopran: Katharina Sahmland) und einem singspielsüchtigen Adels-Hausstand ahnt nichts von trüben Tagen. Nur der Hausmeister (Philipp Bopp) schleppt Stühle und Leiter. Szenischer Minimalismus beherrschte das Geschehen. Bald hängt der Oberbürgermeister (Hyunghee Park) am Handy, schwelgt die Kulturamtsleiterin (Luna Meyer Friedrich) in künstlichen Eitelkeiten. Das Dienstpersonal muss im Chor trällern: „Schön ist diese Kunst, allein, uns bringt sie wenig ein.“ Die Aussicht auf Party und Prosit besänftigt die Gemüter. Dass in den Soli Intonation und Höhe sanft erzitterten, wirkte noch als Echo auf die perplexe

Szene aus „Susannas Geheimnis“ Foto: Moseler

Überraschung, weniger als man selbst habe der Zufall erwählt. Am Ende strahlten alle in heftigstem E-Dur: Liebe aus amouröser Widerstandsunfähigkeit ist nichts anderes als größtes Glück.

Was einst unter „Wilden“ kultiviertem Genuss geschuldet war, trifft heutzutage auf ewige Verdammnis: die Zigarette! Deren Rauchspuren entfesseln in Ermanno Wolf-Ferraris Opern-Intermezzo „Susannas Geheimnis“ ein Eifersuchtsdrama. Der Gatte wittert sofort einen Liebhaber der Gattin, die aber hatte sich nur einen emanzipatorischen Genuss gegönnt. Die Inszenierung schaltete einen Psychotherapeuten ein, der die Leerstelle des Verdachts füllte... Wo sich im Orchester filigrane Nichtigkeiten in nichts auflösen, hatte Frau Chi alle Hände voll zu tun, Shin­young Hwang und Elena Glen stürzten sich siegessicher in ihre (Ehe-)Partien, das (Unschulds-)Klavierspiel Susannas kontrapunktierte den cholerischen Zweifelsdämon Gils. Dramatisch, besänftigend, agil und erregt diskutierte man sich durch ariose Partien und Tiraden, immer in Gegenwart des munter paffenden Therapeuten. Waren das alles nun Bilder einer Beichte Gils auf dem freudschen Geständniskanapee? Einiges in Gils „Ich“-Explosionen erinnert an Ford in Verdis „Falstaff“: Eifersucht ist keine Himmelsmacht.

Im jugendlichen Furor beider Aufführungen der Musikhochschule gelang die Synthese von Widerspruch und Erfüllung: Beides ist auszuhalten. Gleichzeitig.

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