1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Stadtgefluester
  6. >
  7. Denn sie wissen nicht, was sie tun

  8. >

Interview mit Thomas Pieper

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Münster

Über das neue Infektionsschutzgesetz und die ungerechten Auswirkungen auf die Kulturszene spricht Thorsten Kambach mit Thomas Pieper.

wn

Thomas Pieper Foto: Maren Kuiter

Thomas Pieper ist Wegbereiter der elektronischen Musikszene in Münster, Initiator vom Docklands Festival sowie diverser anderer Kulturevents und gastronomischer Einrichtungen, die unsere Stadt erst so richtig lebenswert machen.

Hallo Thomas, heute stehen wir am Beach, wo außer Sand und dir nichts zu finden ist …

Doch, unsere Mitarbeiter, die sind auch hier. Sie machen den Beach tatsächlich sommerfertig! Wir sind nämlich gar nicht so pessimistisch und glauben, dass in diesem Sommer mehr gehen wird als im letzten. Wenn man hochrechnet, wie es mit den Impfungen läuft und welche Tools wir haben, ist dieser Optimismus nicht unbegründet.

Welche Tools meinst du?

Insbesondere die Impfung. Schaffen wir die versprochenen zehn Millionen pro Woche, ist das Ende absehbar. Aber damit ist nicht alles prima, da sind noch große Probleme. Doch zunächst zu den Tools: Es gibt die Schnelltests und damit kann sich jeder vor Veranstaltungen testen lassen. Dazu den Mund-Nasen-Schutz und das von uns längst ausgearbeitete Hygienekonzept.

Stadtgeflüster

Alle Stadtgeflüster-Interviews finden sie auch auf https://www.stadtgefluester-interview.de

Ihr habt also drei Tools, die ihr nutzen würdet?

Genau, wenn denn auch mal auf die Wissenschaft gehört würde. Die sagt nämlich, dass an der freien Luft das Infektionsgeschehen deutlich geringer bis kaum vorhanden ist. Wenn alle zudem Sorgfalt walten lassen und aufeinander aufpassen, sind wir auf einem Level wie im letzten Sommer. Dann, das haben wir letztes Jahr gesehen, kann man nicht nur lockern, sondern muss es, meiner Meinung nach. Aber wir eiern rum: Warum nicht einmal ein wirklich knallharter Lockdown, um die Zahlen zu senken? Stattdessen dümpeln wir monatelang im Lockdown-Light, das ist mir unerklärlich. Die Politik vermeidet seit März letzten Jahres, unserer Branche konkrete Perspektiven aufzuzeigen. Allen anderen Branchen werden Versprechungen gemacht, natürlich an Inzidenzen gekoppelt, nur bei uns sieht das anders aus.

Was erwartest du, wollt ihr einfach öffnen, egal was kommt?

Absolutes Nein! Bei einer brisanten Lage wollen wir natürlich nicht öffnen – wir sind und waren uns unserer Verantwortung immer bewusst. Zumindest trifft das auf den Großteil meiner Kolleginnen und Kollegen zu. Es scheint aber so, dass die Regierenden all dem, was gerade den jüngeren Menschen unter uns Spaß bereitet, rigoros einen Riegel vorschieben, leider oft entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Das liegt vielleicht daran, dass eure Zielgruppe womöglich ohnehin nicht zu den Kernwählern der großen Koalition gehört …

Könnte sein … dabei sind die Jüngeren diejenigen, die unter den Einschränkungen am meisten leiden, die 17-, 18-, 25-Jährigen; die gerade in andere Städte gehen, studieren, die erste große Liebe kennenlernen, einen Lebensplan erstellen und solche Räume und Veranstaltungen, wie wir sie bieten, brauchen. Wirklich brauchen – das ist eine eigene Welt abseits des Establishments, die ganz bedeutend ist für diese Generation.

Du bist sowohl Betreiber von Clubs als auch Biergärten, kennst also beide Seiten. Was sind die Unterschiede?

Zum Vergleich: Im Biergarten können wir 300 Leute versorgen … da geht es mittags los – das ist einem Open Air nicht unähnlich.

Aber im Biergarten ist es doch so, dass die Leute ausschließlich sitzen …

Du vergisst: und dabei viel trinken. Vermutlich mehr als auf Kulturevents. All das passiert außerdem ohne Mundschutz, gerne auch singend. Kann man natürlich auch übersetzen auf die Terrasse eines Italieners, wo die dritte, vierte Flasche Wein über den Tisch geht. Zudem gibt es meistens nur eine oder zwei Toiletten. Die große Frage ist auch, ob Biergarten- oder Restaurantgäste schnellgetestet werden müssten. Bei unseren Veranstaltungen wären definitiv alle vorher getestet, und alle tragen fast durchgehend einen Mundnasenschutz. Nur in ausgewiesenen Sitz/Trinkbereichen darf dieser zwecks Nahrungsaufnahme abgenommen werden. Der Mundnasenschutz ist wirklich zu 99 Prozent bei unseren Veranstaltungen zu tragen. Darüber hinaus ist es so, dass gerade auf elektronischen Musikveranstaltungen wirklich wenig gesprochen wird und sprechen ist das, was Aerosole rumfliegen lässt.

Auf euren Veranstaltungen wird nicht geredet?

Nicht nur auf unseren wird kaum gesprochen, auch generell bei konzertanten Darbietungen. Vielleicht wird mal unterm Mundschutz gejubelt, aber man steht oder sitzt nicht zusammen und redet die ganze Zeit – kennst du doch.

Kann ich bestätigen.

Dann haben wir zudem von allen Gästen die Namen, schon ab dem Vorverkauf sind diese bekannt. Geht natürlich auch mit der Luca-App. Ohnehin kommen unsere Gäste in den seltensten Fällen mal eben so rum und sind deshalb immer maximal vorbereitet.

Nun zum Infektionsschutzgesetz, da steht also, dass Restaurant bald öffnen dürfen?

Na ja, die dürfen, warum auch immer, zumindest vor uns öffnen. Das passiert alles in einer festgelegten Reihenfolge. Erst Zoos, dann Museen, dann Theater, dann Restaurants … und irgendwann dann ganz am Ende kommen wir.

Alles, was Vater, Mutter, Kind oder Oma und Opa Spaß macht, geht halt, aber das, was Teenager und Twentysomethings gut finden oder gar brauchen, ist per se auf dem Index?

Versteh mich nicht falsch, ich bin, wie schon erwähnt, auch Restaurantbetreiber und gönne jeder Branche eine Chance. Aber wenn genau in diesem Punkt so offensichtlich der Verstand ausgeschaltet ist und nicht auf die Wissenschaft gehört wird, macht mich das stutzig. In Barcelona wurde übrigens gerade ein Modellprojekt mit 5000 Gästen ohne Mindestabstand, mit Masken und Schnelltests, ausgewertet. Oh Wunder, es ist perfekt gelaufen und war kein Superspreader- Event – nachweislich.

Jede Veranstaltung für junge Menschen wirkt auf die „Alten“ wie Ischgl 2.

Diese Ischglisierung muss endlich mal aufhören, jetzt fängst du auch noch an. Wir können nichts dafür, dass vermutlich die Mehrheit unserer verantwortlichen Politikerinnen und Politiker ernsthaft meint, dass eine geschlossenen Après-Ski-Ballerbude mit einem elektronischen Open Air gleichzusetzen ist. Wir haben schlicht-weg viel zu viele alte, konservative Politikerinnen und Politiker, die noch nie in ihrem Leben in einem Technoclub oder auf einem Festival waren und somit schlichtweg keine Ahnung von der Lebensrealität der jungen Menschen haben.

Was heißt das?

Die denken vermutlich tatsächlich, wir wären alle Ischgl. Dabei sind wir von Ischgl soweit entfernt wie eine Space-X-Rakete vom Papierflieger. Wenn nicht sogar noch weiter.

Wie soll der Staat das denn unterscheiden?

Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel als Erstes öffnen und genehmigen. Vor jeglichen Aktivitäten in geschlossenen Räumen – das ist doch logisch. Darüber hinaus würde man damit mal endlich zuerst an die Jüngeren denken. Eigentlich ganz einfach also …

Dir geht es also zunächst „nur“ um den Outdoorbereich?

Natürlich! Ich rede aktuell nur von Outdoor. Wir müssen diesen Sommer eine vernünftige Behandlung erfahren und eine Chance bekommen.

Könnte unser Bürgermeister Lewe nicht einschreiten und …

Nicht ganz einfach. Es wird gerade geprüft, inwieweit die Kommunen selbstständig Regelungen anpassen dürfen und wo ihnen die Hände gebunden sind. Es braucht aber definitiv von der Landesregierung und zumindest bis Ende Juni von der Bundesregierung grünes Licht für einen gewissen Spielraum. Über unseren OB, viele Politiker in Münster und unsere Verwaltung beklage ich mich hier explizit übrigens nicht. Die haben letztes Jahr schon alles möglich gemacht, was irgendwie im Rahmen der Gesetzgebung zu realisieren war.

Was würdest du tun, in der Verantwortung stehend?

Ich würde die jungen Leute mit einbeziehen und ernst nehmen. Ich finde auch die mediale Berichterstattung oft unerträglich. Über Jüngere liest man doch maximal nur: Hier ist eine illegale Party hopsgenommen worden, dort sind Cops einmarschiert, und so weiter. Ich habe noch nie irgendwo gelesen, dass das die sind, die am meisten unter der Situation leiden. Ich habe zwei Kinder und weiß, wovon ich da rede. Ich habe einen Kleinen, einen Sechsjährigen, für den ist das schon hart, aber er kommt ganz gut klar. Natürlich leidet er bisweilen auch, aber aktuell sieht er zumindest seine Mitschüler und es gab im gesamten Winter Notbetreuung, wo er immer wieder soziale Kontakte mit seinen Freunden hatte. Wenn ich mir aber anschaue, wie meine Tochter leidet, dann ist das eine andere Dimension. Sie ist vor der Pandemie zum Studieren nach Berlin gezogen und startet gerade in ihr eigenständiges Leben, entwirft den Plan dafür und würde genau jetzt Freundschaften und Beziehungen für die Ewigkeit knüpfen. Wie so viele in ihrem Alter …

Wie geht es ihr?

Äußerst bescheiden. Sie hat aufgrund der kurzen Zeit in Berlin nur bedingt soziale Kontakte knüpfen können, hat die Uni bisher kein Mal von innen gesehen, sitzt seit einem Jahr nur in ihrer Bude vor ihrem Bildschirm, lernt und wird logischerweise langsam wahnsinnig.

Mir war das bisher gar nicht so klar, wie absurd vieles ist, und ich muss sagen, dass

ich als Interviewer unparteiisch sein sollte, aber in diesem Fall …

Ich kann nur sagen: Bitte hört auf die Wissenschaft, schaut euch die Erfahrungen an aus dem letzten Jahr und habt nicht nur in allen anderen Bereichen außer Kultur ein wenig Mut.

Ich überlege gerade, wie ich das alles finde und muss sagen, mir fehlen die Worte. Ich hoffe, die Verantwortlichen kriegen die Kurve. Mühe werden sie sich geben, denn in diesem Jahr sind Wahlen und da sind die Jüngeren auch dabei.

Und könnten die Quittung geben.

Thomas Pieper

Der zweifache Vater und Kulturunternehmer Thomas Pieper ist Gründer und Betreiber diverser Clubs und Restaurants in Münster und Dortmund: das Heaven, der Coconut-Beach, das Fusion – um nur einige zu nennen.

Startseite