1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Stadtgefluester
  6. >
  7. Der Christfluencer

  8. >

Interview mit Julian Kendziora

Der Christfluencer

Münster

Bei Instagram, da sind doch diese Influencer ... cool und abgeklärt. Also was bitte macht Kapuzinerbruder Julian Kendziora da? Er vermittelt christliche Inhalte.

und

Bruder Julian ist auf Instagram unterwegs: „Da können wir so was wie das Lifestyle-Konzept Kirche anbieten.“ Foto: Thorsten Kambach

Claudia Maschner befragt Bruder Julian dazu, was er dort macht. Schon nach kurzem Blick auf den Account @bruder_julian wird klar, was er da macht: cool sein und abgeklärt ... und menschlich und sympathisch und unterhaltsam und bemüht. Schon damals in seinem Dorstener Kindergarten war dem kleinen Julian klar, dass er mal was mit Kirche machen würde. Und so kam es auch. Messdienst, Abitur, Priesterseminar, Kloster. Jetzt ist er 25 Jahre alt, studiert Theologie in Münster und demnächst steht das ewige Gelübde an.

Was hältst du eigentlich von Promis, die ins Kloster gehen?

So wie Campino?

Zum Beispiel. Und danach ein Buch schreiben oder zumindest eine Schlagzeile.

(Lacht) Ich glaube schon, das ist sinnvoll. Gläubige sollen sich ja eigentlich auch einmal im Jahr für Exerzitien zurückziehen. Ich glaube, Klöster können da wichtige Orte sein. Und das ist nicht nur ein Anliegen von Stars.

Wer keine Zeit für eine Auszeit hat, guckt bei Instagram?

Vielleicht sollte ich genau den Blick dann mal unterlassen. Also ich sehe Social Media auch kritisch mit der ganzen Performance. Wenn Leute nur noch diesen Halt haben, ist das bedenklich.

Aber du stellst dich auch dort dar.

Klar mache ich Selfies oder poste Videos von mir. Ich will die Leute für etwas begeistern. Trotzdem ist Kirche nicht nur heile Welt. Wir haben hier im Kloster auch Differenzen. Ich präsentiere auf Instagram die schönen Seiten und die nachdenklichen. Aber die Leute dort wollen oft etwas Perfektes, etwas Heiles und da können wir so was wie das Lifestyle-Konzept Kirche anbieten.

Stadtgeflüster

Alle Stadtgeflüster-Interviews finden sie auch auf www.stadtgefluester-interview.de

Was wäre das denn für eine Art von Lifestyle?

Na ja, viele denken beim Klosterleben an so was wie „Der Name der Rose“, an dunkle Gemäuer, wo ab und zu eine Maus über den Gang huscht. Und ich will eben mit meiner Social-Media-Arbeit zeigen, dass wir ganz normale Männer sind, die mitten im Leben stehen.

Aha.

Na gut, wir tragen oft komische Gewänder und stehen jeden Morgen um 6 Uhr auf, um die heilige Messe zu feiern. Aber allein das! Wenn ich mir überlege, wie viel Text wir heute beim Morgengebet hatten. Da müssen wir als Kirche mal lernen, auch eine andere Sprache zu sprechen. Früher konnten wir das doch auch. Allein die Bilder in der Kirche. Die haben die Leute verstanden. So sollten wir heute auch überlegen, was die Menschen verstehen, und nicht versuchen, sie mit Methoden vollzulabern, die 400 Jahre alt sind.

Muss ich das nachher streichen?

Keine Sorge, ich bin natürlich im Kontakt mit meinen Obersten, aber die vertrauen mir auch. Sie meinen, ich weiß besser, was man in den sozialen Medien sagen oder machen kann und was nicht.

Was machst du denn genau?

Zum einen zeige ich, wie wir im Kloster leben. Mit Fotos, kleinen Geschichten aus dem Alltag. Wir organisieren im Team Online-Andachten und Gebete. Und ich arbeite gerade an einem Konzept für eine Podcast-Reihe.

Zu welchen Themen?

Was motiviert uns, an Jesus Christus zu glauben? Wie kann im Krankenhaus unter finanziellem Druck menschliche Pflege gestaltet werden? Oder auch: Warum feiern wir das Abendmahl? Ich denke, wir sollten da mehr Katechese betreiben, also den christlichen Glauben vermitteln. Da sind wir in der Bringschuld.

Ist das dein Antrieb?

Ich möchte Menschen Hoffnung geben, dass sie nicht verzweifeln. Vielleicht motiviert das, was ich zeige, den einen oder anderen, wieder Gott zu vertrauen oder zumindest darüber nachzudenken. Ich selbst habe auch mal schlechte Tage, an denen ich alles infrage stelle. Es heißt, der größte Dämon ist der Vergleich.

Teilst du solche Zweifel auch mit der virtuellen Gemeinde?

Nein. Das wäre mir zu negativ. Außerdem sind das Momente, da habe ich überhaupt keine Lust auf Instagram, weil ich da ja nicht voller Freude bin. Um über solche Fragen und Zweifel zu sprechen, habe ich genug gute Freunde. Das muss ich nicht in der großen Community klären.

Was ist mit den kritischen kirchlichen Themen?

Ich will nichts wegreden, aber ich finde, die Skandalthemen bekommen in den Medien so eine Überhand, dass das viele Gute nicht mehr zählt.

Schweigen etwa über Missbrauch in der Kirche?

Auf keinen Fall! Es ist schlimm, es muss darüber geredet werden. In der Ausbildung werden wir sensibilisiert. Regelmäßig müssen alle Brüder zu einer sogenannten Präventionsschulung. Das Thema wird also nicht ausgeblendet.

Was ist mit der Rolle von Frauen in der katholischen Kirche?

Auch daran müssen wir arbeiten. Ich habe ein Treffen mit den Vertreterinnen von „Maria 2.0“ organisiert. Ich hoffe, daraus entsteht ein Dialog. Mehr kann ich noch nicht sagen. Aber auch da vertraue ich auf den Heiligen Geist, dass er uns führt und lenkt.

Apropos: Wie bist du eigentlich hier gelandet?

Meine Familie ist nicht besonders fromm. Meine Eltern waren vielleicht mal Weihnachten mit uns in der Kirche. Aber in meinem Kindergarten in Dorsten kam einmal in der Woche der Pfarrer und erzählte uns Geschichten. Ich weiß noch, dass ich mich immer total darauf gefreut habe.

Du musst jeden Morgen um 6 Uhr aufstehen und in die Messe gehen!

(Lacht) Und abends auch! Das gibt Struktur. Außerdem ist die Liturgie sehr würdevoll und schön. Wir rutschen ja nicht den ganzen Tag auf Knien herum und beten Rosenkränze.

Ihr seid also nicht aus der Welt.

Nein, im Gegenteil. Wir gehen in die Welt, um dort diesen Gott zu bezeugen. Ich merke, dass junge Leute, die gar nichts mit Kirche zu tun haben, sich auf einmal für solche Fragen interessieren. Was ist Spiritualität? Warum trägt der so ein komisches Gewand? Warum lebt er ohne Frau, ohne Kinder, ohne eigenen Besitz?

Ja, warum?

Weil Gott unsere Kraftquelle ist und das reicht. Das kann ich nur als Berufung beschreiben. Ich fühlte mich immer schon angesprochen durch das Wort Gottes. Aber wir setzen uns trotzdem auch kritisch damit auseinander. Und wir nehmen wichtige Aufgaben wahr.

Zum Beispiel?

Neben den Aufgaben, die man im Kloster hat, damit der ganze Laden läuft, dienen wir den Menschen. Wir betreiben Seelsorge. Die Leute kommen nicht nur zur Beichte, sondern auch für Gespräche, gerade jetzt im Lockdown gab es unfassbar viele Anfragen, oft von Menschen, die gar nicht mehr zur Kirche gehen. Für die ist das Kloster wie ein neutralerer Ort.

Doofe Frage: Geht das so gut mit dem Gewand?

(Lacht) Na ja, wir haben ein Damenrad, da geht das. Aber wir sind auch frei uns so zu kleiden, wie wir es für richtig halten, im Habit oder zivil. Ich gucke einfach, was gerade bequem ist. Wenn es regnet, wird der Habit durch die Nässe sehr schwer.

Werdet ihr dann schon mal angesprochen?

Klar, und da merke ich, dass der Habit ein Türöffner ist. Man kommt darüber ins Gespräch. Und wenn ich Leute tuscheln höre, dann spreche ich sie an. Oder letztens hat mich ein Mann auf der Straße einfach gefragt, wie ich mir Gott erkläre.

Wie bist du dann Social-Media-Mönch geworden?

Also wir sagen Ordensbruder! Das kam eher zufällig. Ich habe Freude am Kontakt mit Menschen, soziale Medien gehören heute dazu. Trotzdem hatte ich mich darauf eingestellt, das Handy abzugeben, als ich damals im Noviziat ins Kloster kam. Stattdessen wurde ich gefragt, ob ich einer PR-Frau helfen könnte, die über das Klosterleben berichten sollte. So hat sich das entwickelt.

Und jetzt betreust du sogar den offiziellen Instagram-Account der Kapuziner?

Ja, im Wechsel mit zwei Mitbrüdern. Ich mache auch schon mal Instagram-Schulungen mit Ordensschwestern und Brüdern, damit die ein Gefühl dafür bekommen, was da eigentlich passiert.

Hätte Jesus heute ein Smartphone und einen Instagram-Account?

Na klar! Jesus sagt, wir sollen auf die Marktplätze gehen und das Reich Gottes verkünden. Heute würde es etwas komisch rüberkommen, wenn wir uns da auf eine Bananenkiste stellen und anfangen zu predigen. Also machen wir es da, wo Leute sich heutzutage die Zeit vertreiben, nämlich in den sozialen Medien.

Gibt es Erfolgsdruck für dich?

Nein, die Brüder sagen nicht, ich sollte noch 100 Follower im nächsten Quartal kriegen. Die freuen sich, wenn das gut klappt, und sie sehen, dass es Leute erreicht.

Was Influencer halt so machen.

Manche nennen uns dann Christfluencer. Ab und zu frage ich mich schon, ob so ein Post noch Sinn macht. Aber es werden tatsächlich immer wieder neue Leute auf den Orden und auf das Kloster aufmerksam.

Aber wir können ja nicht alle ins Kloster gehen.

Nicht alle, aber ich möchte schon, dass es den Orden auch noch in 100 Jahren gibt.

Wie lebt man denn so als Kapuziner?

Es ist ein Leben in Gehorsam, ohne persönliches Eigentum und in Keuschheit. Die Kapuziner waren ein Orden der Gegenreformation. Gleich nach der Gründung stieg die Zahl der Mitglieder rasant. Wir waren „in“, würde man sagen. Heutzutage haben wir in Deutschland und den Niederlanden gerade mal 160 Mitglieder.

Ist irgendwas schiefgelaufen?

Sehr witzig! Nein, ich glaube, die Message ist grundsätzlich gut, deshalb steh ich ja hier und bin gerne Kapuziner und gern in der katholischen Kirche. Ich zeige einfach meine Perspektive. Kirche lebt davon, dass wir Zeugnis abgeben, jeder auf seine Art. Es geht nicht um absolutistische Botschaften. Es ist eine Einladung zum Dialog.

Zur Person

Julian Kendziora ist gebürtiger Dorstener. Mit 21 Jahren entschloss er sich, in den Orden der Kapuziner einzutreten. Die Ausbildung dauert mindestens fünf Jahre. Das Kapuzinerkloster vor dem Neutor in Münster gibt es seit 150 Jahren. Im Konvent leben 28 Brüder. Besucher sind willkommen in der Klosterkirche oder im Klostergarten mit seinen alten Obst- und Gemüsesorten.

Startseite
ANZEIGE