Interview mit Diana Kinnert

Die neue Einsamkeit

Münster

Mit der neuen Volkskrankheit „Einsamkeit“ befasst sich seit Jahren Diana Kinnert. Chiara Kucharski sprach mit der Politikerin und Publizistin.

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. Diana Kinnert setzt fordert ein Budget gegen Einsamkeit. Foto: Thorsten Kambach

Die neue Volkskrankheit „Einsamkeit“. Die Werte sind erschreckend: Mehr als 14 Millionen Menschen in unserem Land leiden unter ihrem Alleinsein. Es ist kein Generationsproblem, denn es betrifft alle Altersgruppen. Diana Kinnert fordert ein Budget gegen Einsamkeit. Ihr aktuelles Buch dazu könnte, in Lockdown-Zeiten, nicht passender sein.

Sie schreiben über Einsamkeit trotz Freundschaften, trotz Social Media. Wie kamen Sie zu dem Thema?

Mein Zugang war zunächst rational. Angefangen habe ich, weil ich gemerkt habe, dass man in Großbritannien anders mit dem Thema umgeht. Einsamkeit betrifft vor allem auch ältere Menschen. Wir erleben einen demo-grafischen Wandel, eine Alterung der Gesellschaft. Die Menschen werden krank, gebrechlich, ihnen bleibt Teilhabe verwehrt, sie sind zunehmend abgeschnitten. Die Betroffenengruppe wächst also.

Ein Zukunftsthema.

Genau. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr Befunde gab es, dass auch junge Menschen einsam sind. Trotz Vernetzung und ständiger Erreichbarkeit fühlen sie sich einsam. So habe ich festgestellt, dass Einsamkeit nicht nur etwas mit der Anwesenheit und Abwesenheit von Mitmenschen zu tun hat, sondern auch mit der Qualität sozialer Verbindungen. Flüchtigkeit, Beliebigkeit und Oberflächlichkeit scheinen in unserem modernen Beziehungswesen zugenommen zu haben.

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Hat das etwas mit der im Buch erwähnten „Multioptionsattitüde“ zu tun?

Ich denke schon. Wir beobachten seit Jahrzehnten eine immer stärkere Individualisierung und Personalisierung. Das hat vor allem Frauen, Minderheiten und Unterdrückten genützt. Wir haben neue Freiheiten, neue Privilegien, wir müssen uns nicht in erzwungenen Kollektiven bewegen. Das ist ein Freiheitszugewinn für alle.

Aber?

Aber ich glaube, dass wir damit auch Bindungslosigkeit verherrlichen. Als ultrasoziale Säugetiere verkümmern wir. Der einsame Mensch wird depressiv, dement, trägt ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, seine Sterbewahrscheinlichkeit erhöht sich um 30 Prozent.

Was wäre ein Schritt dagegen?

Wir brauchen eine kulturelle Debatte über Werte unseres Miteinanders. Ich hielte es für emanzipiert, Beziehungs- und Gesellschaftsfähigkeit hochzuhalten. Das gilt auch im Privaten. Will ich mir immerzu alle Türen offenhalten? Muss ich das auch von anderen erwarten? Oder sind Festlegung, Fürsorge, Verlässlichkeit und Orientierung nicht genauso wichtig für mich? Ich meine nicht, Wahlmöglichkeiten zu verbieten, sondern Menschen zu befähigen, für sich selbst richtig zu entscheiden.

Wie kommt diese Fähigkeit abhanden?

Ich kann mit 20 Leuten bei Whatsapp schreiben. Sobald es unangenehm wird, meide ich den Chat, schalte stumm, blockiere oder springe in das nächste Gespräch. Das kann ich auf allen sozialen Netzwerken jeder-zeit machen. Und wir erleben an unserer politischen Kultur, dass diese Polarisierung und Segregation inzwischen auch die analoge Welt erreicht. Es ist uns möglich, unsere eigene Welt zu designen. Dadurch kann ich aus Bequemlichkeit immerzu im eigenen Saft baden. Ein aufrichtiges, streitlustiges Gegenüber wird uns zu anstrengend.

Was tun?

Ein Mensch, der eine starke Persönlichkeit hat, der selbstbewusst ist, den reizt es, den fordert es heraus, wenn man ihm widerspricht und wenn er etwas Neues lernen kann. Am Ende des Tages geht es um Selbstvertrauen, Persönlichkeitsbildung und Charakterstärke. Dann traut man sich zu, Gespräche auszuhalten, mit einer Person wirklich zu sprechen, anstatt immer nur zu springen. Intimität statt Konsum von Beziehungen.

Was sind Ursachen, dass Charakterbildung mehr gefördert werden muss?

Neben den sozialen Netzwerken muss man auch die ökonomische Situation der Jung-Generation beachten. Die Kaufkraft ist gering, Beschäftigungsverhältnisse sind befristet, unsere Industrieperspektive verändert sich. Wir sind Disruptionen und permanenter Selbstausbeutung unterworfen. Das Gefühl von Ausgeliefertsein fördert Rückzug und Isolation.

Okay.

Wir erleben Formen der Vereinzelung, der Einsamkeit auch im politischen Diskurs: Man hält Streit kaum mehr aus. Wenn andere Einstellungen nicht passen, wird verachtet, ausgegrenzt, boykottiert. Wir verlieren unsere Sprechfähigkeit, sind nicht mehr beziehungstauglich. Dabei macht Demokratie aus, in Diversität und Pluralität in Beziehung zu bleiben. Ich halte das für eine gesellschaftliche Unreife, die gefährlich ist.

Wie kommt es, dass man sich gerade heutzutage so spaltet?

Einsamkeit ist kein zufälliges Resultat der Moderne. Eine selbstsüchtige Unternehmensführung hat Interesse daran, ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zersplittern zu lassen und ihre Solidarität zu zerschlagen. Deshalb braucht es neue Partizipationsmodelle für die Arbeitnehmerschaft, eine zeitgemäße moderne Sozialpolitik. Soziale Marktwirtschaft statt Flexibilitätsregime.

Wie beraten Sie Institutionen und Regierungen?

Wenn ich auf politischer Seite zum Thema Einsamkeit angefragt werde, ist die Erwartungshaltung, dass man dekorative Maßnahmen nennt: ein neuer Seniorentreff hier, ein neues Mehrgenerationenhaus da. Ich glaube zwar, dass diese Maßnahmen ihren konkreten Zweck erfüllen, aber nicht die Ursachen grassierender kollektiver Einsamkeit berühren. Da geht es um einen digitalen Totalitarismus und einen neumodernen Wirtschaftskapitalismus.

Was raten Sie dann?

Dass wir das Budget für Einsamkeitsforschung auch auf Wirtschaft und Digitalisierung als Einsamkeitstreiber anwenden. Erst wenn wir Erkenntnisse haben, kann Politik eine neue souveräne Haltung gewinnen.

Wie misst man Einsamkeit und wie stellt man Fortschritte fest?

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Erhebungsmethoden. Wichtig ist: Sobald jemand nur subjektiv von negativ empfundener Einsamkeit spricht, hat das reelle gesundheitliche Konsequenzen. Die Betroffenenzahlen steigen in allen Altersgruppen. Und das nicht erst seit dem Lockdown.

Jetzt sind Sie ja schon seit einigen Jahren in der CDU. Was kann in Ihrer Partei konkret getan werden?

Das Thema Einsamkeit ist politisch und relevant für alle politischen Mitstreiter. Zur Union passen Konzepte für soziale Teilhabe von Hochaltrigen oder Ideen, die soziale Marktwirtschaft neu auszurichten.

Wie genau in dem Fall?

Man muss das Vertrauensverhältnis innerhalb von Unternehmen stärken. Wir brauchen eine Renaissance der Gewerkschaften und Betriebsräte, gerade für neue, auch digitale Berufsgruppen, neu gegründete Unternehmen, neue Arbeitnehmerrechte zwischen Homeoffice und Remote-Work.

Zum Schluss muss ich noch nach den neuen Einsamkeitsministerien fragen.

In Großbritannien gibt es eines, das bei Ehrenamt und Sport angesiedelt ist, mit besonderem Schwerpunkt in der Gesundheitspolitik. Die wichtigsten Maßnahmen sind, dass man Ärzte weiter für das Thema sensibilisiert und einen Einsamkeitsindex entworfen hat. Das Ministerium in Japan gibt es erst seit einigen Wochen. Diese Gründung basiert darauf, dass es dort im Lockdown sehr viele Suizide gegeben hat. Es geht also sehr auf mentale Gesundheit ein. Aber auch in Skandinavien gibt es Einsamkeitsbeauftragte, die dafür sorgen, dass man beispielsweise in der Grundschule Empathie lernt.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Ich wünsche mir für Deutschland eine politische Zuständigkeit. Das muss schon heute in den Landesregierungen anfangen, bevor man auf die Bundesebene wartet.

Zur Person

Diana Kinnert wurde 1991 in Wuppertal geboren. Mit 17 Jahren ist sie Mitglied in der CDU geworden und leitete anschließend das Abgeordnetenbüro des inzwischen verstorbenen Vizepräsidenten des DeutschenBundestages Peter Hintze in Berlin. Als Unternehmerin, Publizistin und studierte Politikwissenschaftlerin berät sie politische Akteure und arbeitet für Denkfabriken und Forschungsinstitute. Im März 2021 erschien ihr aktuelles Buch „Die Neue Einsamkeit“.

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