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Interview mit Andreas Mäckler

Wikipedias dunkler Schatten

Münster

Arndt Zinkant fragt Andreas Mäckler, ob das beliebte Online-Lexikon Wikipedia seinem guten Ruf gerecht wird.

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Andreas Mäckler Foto: Thorsten Kambach

In Wikipedia wird das gesamte Weltwissen durch die Schwarmintelligenz unbezahlter Idealisten zugänglich gemacht – so jedenfalls die Vision, die vor 20 Jahren vom Gründer Jimmy Wales entwickelt wurde. Mittlerweile ist Wales um viele Millionen reicher. Im Gegensatz zu den Millionen von Wiki-Autoren. Und die schreiben oft Dinge, die nicht in ein Lexikon gehören. Das musste auch der Publizist Andreas Mäckler erleben, der mit zwei Dutzend anderen Mobbing-Opfern das „Schwarzbuch Wikipedia“ erstellt hat.

Wie kamen Sie darauf, dass Wikipedia nicht die Kriterien eines Lexikons erfüllt?

Ich wunderte mich, dass so viele Falschinformationen in meinem Personenartikel eingetragen wurden. Außer-dem wunderte mich die ausufernde Diskussion: Es wurde viel breiter diskutiert, als der gesamte Artikel lang war – und das von Leuten, die mich nicht kennen und vermutlich meine mehr als 30 Bücher, teilweise in großen Verlagen erschienen, auch nicht.

Was ist Ihr Hauptkritikpunkt an Wikipedia?

Dass die Leute, welche die Informationen bereitstellen, häufig nicht qualifiziert sind. Es gibt wenige Artikel ohne Fehler, zumindest habe ich auf meinem Fachgebiet keine solchen Beiträge gefunden. Manchmal 100 Fehler und mehr pro Text, worüber die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet hat.

Wie sind Sie auf die Mitstreiter Ihres Buches gestoßen?

Vorwiegend über Publikationen im Internet – dann habe ich die jeweiligen Personen einfach angesprochen. Die meisten waren sofort bereit, einen eigenen Artikel zu schreiben.

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Waren das die „üblichen Verdächtigen“ der Wiki-Geschädigten?

Ich habe jene Autoren angesprochen, die gute, kritische Artikel verfasst hatten. Es existiert ja der „Harass-ment report“ von Wikimedia aus dem Jahr 2015, der beschreibt, dass 38 Prozent der befragten Mitarbeiter sich schon von anderen Autoren gemobbt gefühlt haben. Dazu kommt das eine Prozent der sogenannten „relevanten Personen“ des öffentlichen Lebens, die einen Personenartikel auf Wikipedia bekommen. Es war für mich durchaus viel Arbeit, aber andererseits nicht schwer, solche gemobbten Personen zu finden.

Ihr Buch ist ja schon ein Jahr auf dem Markt. Welche Reaktionen gab es?

Die findet man gut im Medienspiegel unter schwarzbuch-wikipedia.de, der über 70 Einträge umfasst. Es hat sogar eine dreiseitige Rezension von einem Professor in der „Zeitschrift für Anomalistik“ gegeben.

Ein Politologe hat im Buch die Aussage gemacht, dass die Wikipedia politisch nach links tendiere, das lasse sich feststellen.

Da ist sicherlich was dran, das haben diverse Untersuchungen ergeben.

Liegt das auch an der hierarchischen Struktur der Administratoren?

Ich weiß es nicht. Man sagt ja, dass die Wikimedia als Trägerverein völlig unabhängig von der Wikipedia sei, die wiederum als anarchischer Haufen von Unabhängigen agiere. Aber es dominieren die Zeitreichen – man merkt, dass die Aktivisten enorm viel Zeit haben, um ihre Agenda durchzupauken. Aber ob das von oben ge-lenkt ist, da waren sich alle Autoren, mit denen ich gesprochen habe, unsicher. Bei „Russia today“ zum Bei-spiel weiß man, dass der Sender von der russischen Regierung indoktriniert wird – ob das bei Wikipedia systemisch vergleichbar ist, vermag ich nicht zu sagen.

Gibt es Schätzungen über die Autoren, ob es Selbstausbeuter, Leute auf Hartz IV oder eher bezahlte Schreiber sind?

Ebenfalls schwierig. Bei manchen Personen kennt man ja inzwischen die realen Namen, der eine ist zum Bei-spiel „Feliks“, ein anderer „Kopilot“, der als Klavierlehrer an der Uni Osnabrück arbeitet – die haben alle ein unfassbares Zeitkonto, das man dadurch nachvollziehen kann, wann sie sich einloggen. Und diese Leute haben ja angeblich noch Tagesjobs, Feliks ist offiziell Rechtspfleger.

Weiß man, ob die bezahlt werden?

Darüber gibt es keine Untersuchungen, sehr wohl aber über Wikipedia allgemein als PR-Forum. In dem Bereich finden sich viele Angebote. In meinem Folgebuch wird es einen Beitrag über Journalisten in der indischen Wikipedia geben, wo zum Teil die Preise für PR in der Online-Enzyklopädie offen ausgeschrieben werden. Da geht es wirklich ums Geld! Im „Spiegel“ war neulich ein Artikel über einen Fußball-Funktionär und die Bearbeitung seiner Wikipedia-Seite – da ging es um Summen, die zwischen 15 000 und 20 000 Euro lagen, nur für die Pflege eines Wikipedia-Artikels.

Warum wurden die Klarnamen der Autoren von Anfang an verschleiert?

Aus juristischen Gründen. Dieses viele Mobbing und die Falschaussagen sind ja alle justiziabel. Aber wenn Sie weder Namen noch Adresse haben, können Sie nicht klagen. Ich bin auch mit meinem Anwalt dagegen vor-gegangen, damit eine Passage in meinem Artikel gelöscht wird. Aber ich musste erkennen, dass die entsprechenden Autoren nicht unbedingt fassbar sind.

Wurde das von den Verantwortlichen wie Jimmy Wales seinerzeit auch so begründet – Furcht vor juristischen Problemen?

Das ist eine schwere Frage. Generell ist Wikimedia eine internationale Foundation, mittlerweile ein Konzern mit Milliardenwert. Da ist es schon schwer, die Intentionen zu analysieren. Meiner Meinung nach geht es da-rum, Hunderttausende Leute unter dem Schleier der Gemeinnützigkeit auszubeuten. Viel Geld machen, keine Verantwortung.

Wer verdient denn da an der Spitze am meisten?

Das wird im kommenden Buch aufgearbeitet werden, von einer amerikanischen Autorin. Die hat Analysen betrieben und Porträts geschrieben über Aktivisten, die in dieser Foundation sitzen. Wer genau wie viel Geld abgräbt, kann ich im Moment nicht sagen. Irgendjemand streicht es ein – aber sicher nicht die Autoren.

Wie sieht Ihre persönliche „Geschichte“ mit Wikipedia aus?

Ich habe das Buch nicht zuletzt deshalb geschrieben, weil ich zwar nur ein „kleiner Autor“, aber immerhin 30 Jahre durchgängig professionell auf diesem Feld tätig bin. Dann wurde auf Wikipedia geschrieben, ich sei beim Verfassungsschutz gemeldet. Jemand hat mich angezeigt als Unterstützer von Rechtsextremismus und Antisemitismus.

Wie das?

Der Denunziant gab das Korrespondenzzeichen, mit dem der Eingang seiner „Anzeige“ bestätigt wurde, als Aktenzeichen aus und stellte es unter dem Schlagwort „Weiteres antisemitisches Webmobbing“ auf die Diskussionsseite des erwähnten Feliks – und das wollte ich natürlich gelöscht haben. Dann hat mir ein Herr, der bei Wikimedia für Rechte und Lizenzen zuständig ist, gemailt: Ja, das sei vielleicht lästig, aber man könnte nichts machen – das müsse ich erdulden. Nun habe ich den Fall an einen Anwalt gegeben.

Gibt es schon Präzedenzfälle?

Es mehren sich die Urteile gegen Wikimedia und die Wikipedianer – wir stehen da am Anfang einer Bewegung. Nein, nicht so ganz am Anfang, denn einige der Autoren des Buches sind schon länger als Kritiker dabei. Zum Beispiel Arne Hoffmann oder Markus Fiedler. Ich bin mit dem Buch dann quasi hinzugestoßen. Übrigens bin ich gespannt, wie lange die Anonymisierung noch aufrechterhalten wird.

Wagen Sie da eine Prognose?

Ja, ich glaube, dass die gesamte Situation in puncto „Wild West im Internet“ eine immer stärkere Regulierung nach sich ziehen wird. Natürlich werden dann Leute von Zensur sprechen. Man kann jedoch bei Twitter bereits erkennen, dass immer mehr Tweets gelöscht werden – bei Leuten, die als Mobber bekannt sind. Auch rückwirkend. Letztlich muss man Wikipedia in einer Reihe mit Facebook, Twitter und ähnlichen Plattformen sehen. Nur dass dort jedem klar ist: Die können dort schreiben, was sie wollen – die haben sich nicht den Heiligenschein einer Enzyklopädie gegeben.

Ihr Buch ist ja nicht das Erste seiner Art. Außerdem gab es etliche kritische Zeitungsartikel, zum Beispiel in der „Welt“. Nicht zu vergessen den Dokufilmer Markus Fiedler, der auf Youtube mit seinen „Geschichten aus Wikihausen“ präsent ist. Dennoch glaubt eine Mehrheit an den Nimbus der seriösen Enzyklopädie. Wie kommt das?

Die Leute werden auch medial verdummt. Man merkt das etwa an der gleichförmigen Corona-Berichterstattung. Ich will dieses Thema aber nicht anfassen, denn es ist nicht meins. Letztlich geht es jedoch bei allen Medien ums Verkaufen – ob normale Zeitung oder Wikipedia, die eben auch am Ende wie eine Gelddruckmaschine funktioniert. Getarnt als gemeinnütziger Verein und Lexikon.

Gab es einen Moment, wo Wikipedia falsch abgebogen ist, oder war von Anfang an der Wurm drin?

Wenn man die Historie anschaut, sieht man, dass die Kritikpunkte, über die ich schreibe, zu Beginn bereits erkennbar waren. In den USA gab es auch anfangs schon Kritik: Larry Sanger, neben Wales der Mitbegründer, hat das früh formuliert und ist im Unfrieden ausgeschieden. Soweit ich mich erinnere, gab es auch bereits 2007 eine Webseite, die alle Kritikpunkte auflistete, die heute noch virulent sind. Man muss Wikipedia einfach den Vorwurf machen, dass diese über Jahre immer ignoriert wurden. Das Einzige, was man einmal systematisch versuchte anzugehen, war die Orthografie – und die Professionalisierung der alljährlichen Spenden-Bettelei! „Diese Banner sind das Internet-Äquivalent eines ‚Bettlers‘“, schreibt Helen Buyniski im kommenden Schwarzbuch Wikipedia Band 2, „der nach einem Tag, an dem er mit einem Pappschild auf dem Bürgersteig sitzt und hart arbeitende Menschen um ihr Kleingeld betrügt, aufsteht und in einen Ferrari steigt, von dem aus er in sein schickes Upper East Side Penthouse chauffiert wird.“

Zur Person: Dr. Andreas Mäckler

Der Publizist Dr. Andreas Mäckler lebt in der Nähe von München. Der 62-Jährige hat sich als Krimiautor sowie als Biograf einen Namen gemacht. Jahrelang selbst betroffen von Wikipedia-Mobbing, entschloss er sich zur Herausgabe des „Schwarzbuchs Wikipedia“.

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