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Im Aufbau: Die Schau „Droste Digital“ möchte mit Interventionen im muffigen Hülshoff-Gemäuer punkten

Texte auf Tablet, Teppich und Tapete

Havixbeck/Münster

Mit der Ausstellung „Droste Digital“ bespielt das Center for Literature von Mitte September 2022 an für ein Jahr die oberen Geschosse der Burg Hülshoff. Während der Aufbauphase unternahmen wir bereits einen Rundgang – und trafen auf eine Mischung aus Entrümpelung und Avantgarde. Manches bleibt rätselhaft.

Von Johannes Loy

Auf der Burg Hülshoff blüht neues künstlerisches Leben. Foto: Johannes Loy

Stickig ist es in diesen Sommertagen unter dem Dach der altehrwürdigen Burg Hülshoff. Das, was noch aus bewohnten Zeiten der vergangenen Jahrzehnte übrig blieb, verströmt den Charme einer Rümpelbude. Vergilbte Tapeten, gewellte Auslegeware, zerlegte Schränke, die bald ins Archiv-Depot nach Münster-Coerde wandern. Da verströmen die nackten Balken auf dem Dachboden eine geradezu zeitlose Ästhetik.

Morbider Charme

Die jungen Leute vom Center for Literature scheint der etwas morbide Charme des historischen Ortes dabei zu beflügeln, hier die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) über ihr schriftstellerisches Werk zu neuem Leben zu erwecken. Projektleiter Oliver Pawlak benutzt beim Vorab-Rundgang ein Wort besonders gern: „Remedialisierung“. Das, was die Droste schrieb und im Meersburger Nachlass sorgsam gehütet und wissenschaftlich bearbeitet wird, soll durch neue Medien und modernste digitale Technik neu zum Betrachter und Leser kommen. Und am Ende der literarisch-artifiziellen Verwertungskette greift auch die Avantgarde der jungen Künstler zu, verwertet, inszeniert und projiziert Annettes Werk und setzt es im ersten Obergeschoss der Burg um.

Für die Ausstellung „Droste Digital. Handschriften – Räume – Installationen“ werden in diesen Wochen insgesamt sechs Räume, die erstmals für das Publikum zugänglich werden, neu gestaltet. Eröffnet wird die Schau am 15. September.

Projektleiter Oliver Pawlak präsentiert „Droste Digital“ auf dem ultraflachen Laptop. Foto: Johannes Loy

Die Präsentation „Droste Digital“ in der Regie des Center for Literature (CfL) macht dabei zum ersten Mal digitalisierte Handschriften aus dem Meersburger Nachlass von Annette von Droste-Hülshoff mit einem innovativen Ausstellungskonzept für das Publikum zugänglich. Ausgewählte Handschriften werden räumlich inszeniert und machen so das Leben und Schaffen der Dichterin gegenwärtig.

Die Kritzelschrift der Droste

Raum eins konfrontiert den Droste-Gast zunächst mit einer großen Wandtapete, es handelt sich um das mehrfach vergrößerte Blatt eines Droste-Manuskripts und zeigt, dass Annette nicht nur äußerst papiersparend arbeitete, sondern auch permanent Korrekturen und neue Formulieren setzte. Raum zwo ist sozusagen die Digital-Station beim Rundgang, den künftig etwa vier bis sechs Personen unter Führung eines kundigen Lotsen und auf Wunsch mit einer begleitenden „App“ unternehmen werden. Ta­blets und Hörstationen führen hier in Leben und Werk der Droste ein. An einer Audiostation wird aus Annettes Briefen gelesen, eine Dokumentation gibt Einblick in den Prozess der Digitalisierung der Handschriften, und an einer Tablet-Station ist zu sehen, wie die Droste ihre zum Teil mikroskopisch klein bekritzelten Manuskriptblätter gefüllt hat.

Die weiteren Räume haben es dann mehr oder minder künstlerisch in sich. Im Kinder- und Jugendzimmer von Annette von Droste-Hülshoff rückt Autorin Nora Gomringer die jugendliche Droste ins Zentrum eines charmant und bewusst kitschig überfrachteten Szenarios. Das ursprüngliche Studierzimmer von Annettes Vater wirkt in der Inszenierung von Autorin Dorothee Elmiger wie eine zusammengesuchte Studentenbude. Auf dem Schreibtisch steht ein Bildschirm, auf dem man die Entstehung der „Judenbuche“ digital nachpuzzeln kann.

Dorothee Elmiger hat das Studierzimmer des Vaters der Droste in eine Art Studentenbude verwandelt, wo sich der Gast dem Schreibprozess der „Judenbuche“ nähern kann. Foto: Philipp Wachowitz

Das Künstler-Kollektiv Hyphen-Labs mit Ece Tankal und Carmen Aguilar y ­Wedge verwandelt in der aufwendigsten Intervention das ehemalige Badezimmer in ein Spiegelkabinett, das auf dem Gedichtzyklus „Die Elemente“ der Droste basiert und das Verhältnis von Mensch und Umwelt beleuchtet. Annette habe auf vielen Feldern Neuland betreten, erläutert dazu Oliver Pawlak beim Rundgang. Im Hinblick auf die Erforschung von Flora und Fauna, mit ihrem kritischen Blick für die sich wandelnde Umwelt auch im Blick auf die Rolle der Frau in der Gesellschaft, was heute unter Stichworten wie Feminismus und Genderdebatte diskutiert und mitunter derart strapaziert wird, dass selbst Gutmeinende zuweilen aufseufzen.

Fast großzügig wirkt im Vergleich zu den kleinen inszenatorischen Kammern im Obergeschoss der Raum unter dem mit Pfannen und Strohbüscheln gedeckten Giebeldach. Hier haben Almut Pape und Emese Bodolay vom Künstler-Kollektiv Anna Kpok aus dem Gedichtzyklus „Klänge aus dem Orient“ eine begehbare Handschriften-Landschaft erschaffen. Die akribisch gekritzelten Buchstabenlinien der Droste darf man nun auf Teppichen betreten und begehen.

Blick nach Meersburg

Vielleicht ist es gerade das Vorrecht junger Leute, sich die alte, unter der Staubschicht des Bildungsbürgertums, der Germanisten und literaturwissenschaftlichen Wortklauber verborgene Annette von Droste-Hülshoff ganz neu für sich zu entdecken. Der ältere Museumsgast darf hier digital hinzulernen und die gedanklichen Kurven der Künstler aufnehmen. Zustimmend, kritisch – oder auch ratlos.

Kulturfreundinnen und -freunde dürfen sich im Hinterstübchen wünschen, dass die Räume in der Burg Hülshoff vielleicht doch einmal grundlegend renoviert werden und den Charme des muffigen Uraltbaus ablegen. Wie ein solches museales Konzept raumklimatisch, beleuchtungstechnisch und digital auf höchstem Niveau gelingen kann, zeigt seit Jahr und Tag das Fürstenhäusle in Meersburg. Das Land Baden-Württemberg zeigte sich dabei mit 650 000 Euro äußerst spendabel, um stilgerecht an die Droste zu erinnern.

Auf dem Dachboden haben Almut Pape und Emese Bodolay (Foto) vom Künstler-Kollektiv Anna Kpok Texte aus dem Gedichtzyklus „Klänge aus dem Orient“ in eine begehbare Handschriften-Landschaft verwandelt. Foto: Wolanewitz

Die Ausstellung „Droste Digital. Handschriften – Räume – Installationen“ wird am 15. September mit einem musikalischen Rahmenprogramm sowie Lesungen und Performances von Nora Gomringer, Dorothee Elmiger, Anna Kpok und Hyphen-Labs eröffnet. Die Ausstellung läuft bis September 2023.

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