Titanick verlässt die Alte Messe in Leipzig

Theater musste Baumarkt weichen

Münster

25 Jahre lang war das Theater Titanick auch in der Leipziger Alten Messe Zuhause. Doch nun wird der Platz für einen Baumarkt benötigt.

Von Gerhard H. Kockund

Als seien die finanziellen Herausforderungen der Pandemie nicht schon genug, sah sich das Theater Titanick seit geraumer Zeit mit einem weiteren Problem konfrontiert: die Produktionsstätte Leipzig, neben Münster die zweite Heimat des deutsch-deutschen Vorzeigeprojekts. Das internationale Open-Air-Ensemble musste dort nach 25 Jahren von der Alten Messe weichen. Grund dafür ist der Neubau einer großen Baumarkt-Kette.

„Der Umzug war ein echter Monster-Aufwand“, schildert Uwe Köhler, künstlerischer Leiter der Truppe den Umzug. Mit drei Lkw-Zügen seien sie zehn Tage lang drei Mal am Tag von der alten Halle 16 zur neuen Halle in Leipzig-Engelsdorf hin- und zurückgefahren. Inszeniert mit Objekten und fahrbaren Mobilen fand Mitte April ein symbolischer Auszug aus der Halle 16 statt, erläutert der Münsteraner.

Statt 4000 nur noch 1100 Quadratmeter

Jeder Umzug ist auch schmerzlich, dieser besonders. „Wir mussten uns reduzieren – von 4000 Quadratmetern in der Halle 16 auf 1100 Quadratmeter in Engelsdorf“, so Köhler. Und das bedeutete: „Wir mussten genau entscheiden, was wird weggeworfen, was wird verschenkt, was wird verkauft und was bleibt. Ein wahrer Katharsis-Prozess.“ Die Pferde von „Pax“ (die Open-Air-Inszenierung von Titanick zum 350-jährigen Jubiläum des Westfälischen Friedens 1998 auf dem Prinzipalmarkt in Münster sowie in Osnabrück), die Türme von „Troja“ – „Clair und ich, wir wollten alles behalten“, schwelgt Köhler in nostalgischen Erinnerungen. Am Ende hieß es: Weg damit!

Titanick arbeitet seit 1995 auf der Alten Messe – zunächst in der Halle 17 und zwei Jahre später in der Halle 16 hinter dem Volkspalast. In diesen Hallen entstanden insgesamt 20 große Open- Air-Produktionen – die in Deutschland, in Europa und auch weltweit aufgeführt wurden.

Neue Heimat im Bahnanlagen-Werk

Eine neue Heimat fanden die Theaterleute im Osten der Stadt, in einem ehemaligen Bahnanlagen-Werk, wo bis in die 90er-Jahre Achsen und Räder und Waggons für die Bahn gebaut wurden. Auf dem Gelände mit vielen leerstehenden Hallen soll ein Mischgebiet aus Gewerbe, Handel, Kunst und Kultur entstehen.

Die alte Halle 16 war die kreative Keimzelle für Inszenierungen wie „Troja“, „Insect“, „Fire­birds“, „Odyssee“, „Alice On The Run“ – und jetzt ganz neu und wegen Corona noch nicht aufgeführt: „Trip Over“ und „Up­side Down“. Für all diese Tour-Produktionen war die Halle 16 der kreative Ort, bevor sie die Welt eroberten: über Deutschland in andere europäische Länder bis nach Asien, Australien, Nord-, Mittel- und Südamerika. Insgesamt in 29 Ländern mit über 1000 Aufführungen vor mehr als drei Millionen Zuschauern. In der Folge erhielt Theater Titanick zahlreiche Theaterpreise im In- und Ausland.

Insgesamt haben hier 280 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an den Inszenierungen in Leipzig gearbeitet, 85 freiberufliche Akteure haben durch Titanick die Selbstständigkeit erreicht, sowohl im Bereich der Kunst als auch im Bereich der Technik. Und 90 Prozent der Akteure stammen aus Leipzig. „Aber all diese Verdienste für die Stadt Leipzig und auch das internationale Renommee reichten nicht aus, den kreativen Ort auf der Alten Messe zu erhalten“, schreibt das Theater in einer Pressemitteilung. „Der Auftrag heißt nun mal Vermarktung – und das Theater Titanick verblasst hinter den ökonomischen Interessen der Stadt.“ Die Entscheidung kam 2016, und es gab zahlreiche Versprechungen, dem Theater zu einer neuen Bleibe zu verhelfen. Doch entweder waren die Mietvorstellungen zu hoch oder die Entfernungen von Leipzig zu weit.

„Natürlich bietet ein neuer Ort auch eine neue Chance“, meint Uwe Köhler als Künstlerischer Leiter von Titanick: „Es entsteht automatisch ein Prozess der Katharsis, der Reduzierung auf das Wesentliche.“

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