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Mit Leib und Seele

Tom Feuerstacke und Michael Bielitza besprechen die Nudel

Münster

Die Nudel. Wer kennt sie nicht? Wer liebt sie nicht? Wer hat nicht mit Loriot über sie gelacht? Dabei ist Pasta alles andere als ein schnödes Nahrungsmittel. Pasta ist Liebe und Glaube.

Tom Feuerstacke und Michael Bielitza besprechen die Nudel. Foto: Stadtgeflüster

Billy, wir sprechen heute nicht über diese halbfertigen Nudeln mit Monokäse oder wie heißt dieses künstliche Zeug? (Lacht) Ich weiß, was du meinst. Aber ich meine, er heißt Analogkäse. Mono-, Stereo- und Analogkäse.

Genau: Analogfernsehen mit Mono-Ton … (Lacht) Du weißt ja noch, wie Lemmy damals in dem Plattenladen war und sich den Monokäse holen wollte. Weil er fand, dass sich die Beatles im Monokäse immer am besten angehört haben.

Was fällt dir als Erstes ein, wenn du das Wort „Nudel“ hörst? Ganz schön schwer zu sagen. Da muss ich doch glatt einen Augenblick überlegen. Einerseits ist es natürlich die Schwimmnudel für mich. Die kennst du doch auch, Tom. Ein jeder greife die Nudel des Hintermanns (lacht). Aber jetzt im Ernst. Die Nudel ist für mich eine Zutat, die viele verschiedene Facetten hat. Gerade wenn man an die italienische Nudel denkt. Italiener und ihre Nudeln sind der Wahnsinn. Es gibt so viele unterschiedliche Nudelsorten. Diese werden auch nur mit bestimmten Soßen gegessen. Zutat ist nicht die richtige Beschreibung. Die Nudel ist ein Grundnahrungsmittel.

Du kommst gebürtig aus dem Pott. Genauer gesagt aus Bochum. Dort, wo das Herz noch zählt und die Curry-Wurst als Grundnahrungsmittel gilt. Wir sprechen über die italienische Nudel. Was trieb deine Frau, die liebe Guddy, die aus Münster kommt, und dich Ruhrpottler an, hier in der heimischen Küche in unserer Stadt als „Pastaio“ zu starten? Das war ganz pragmatisch. Wir wollten unbedingt was mit Lebensmitteln machen. Wir wollten etwas Essbares produzieren. Allerdings nichts, wofür man ein Handwerk erlernen muss. Oder große Auflagen gelten, wie zum Beispiel die Kühlkette, wie beim Wursten, was unsere Ursprünge beim Essbaren waren. Von einem Freund kam die Idee der Nudel, in die ich mich nach etwas Recherche total verliebt habe.

Sich in eine Nudel zu verlieben, klingt erst mal komisch. Was hat dich besonders auf dieses leckere Nahrungsmittel abfahren lassen? Ich dachte mir „geil“. Denn es ist ein richtiges Handwerk. Und es scheint auf den ersten Blick einfach. Erst mal ist es auch etwas Simples, das aber völlig komplex wird, wenn man sich mit dieser Kunst der Herstellung genauer befasst. Es gibt unglaublich viele Varianten und jede mit ihrer eigenen Philosophie. Das fanden wir super. Es war nicht einfach eine Kartoffel oder sonst was. Die Nudel ist eine Glaubensrichtung, über die gerne und lange gestritten wird. Die Italiener sagen, dass niemand eine Spaghetti Bolognese essen würde. Diese Form einer Soße wäre viel zu schwer für die feinen Spaghetti. Da steckt viel drin. Das ist ein großes Thema, welches sich erst mal klein anhört. Das ist eine Welt, in der man nicht aufhört zu lernen.

Wie viele Tonnen an Nudeln musstet ihr essen, bevor ihr grob loslegen konntet mit der Herstellung? Wir mussten echt einiges wegtun. Wir haben das am Anfang unterschätzt. Wir sind angefangen und dachten so an Eiernudeln. Ei aufschlagen, Teig machen, fertig. Vergiss es. Der von der Stadt, der unseren Laden abgenommen hat, sagte direkt, dass wir einen Eieraufschlagraum brauchen. Wir haben 200 Eier aufgeschlagen. Alles roch nach Ei. Dann habe ich gemerkt, dass die Italiener gar keine getrockneten Nudeln mit Ei herstellen. Jetzt denkt man sich, machen wir mal schnell eine Hohlnudel.

Das klingt nach einem „Aber“? Absolut richtig. Die Krux mit dem Trocknen der Hohlnudel ist, die werden wie durch einen Fleischwolf durch eine spezielle Matrize gedrückt. Diese Nudel wird 30 Stunden in einen speziellen Schrank getrocknet. Dabei haben wir massenweise Mist gebaut. Die Hohlnudel hat eine ureigene Oberflächenspannung. Wenn du die nicht beachtest, zerbröselt die Nudel beim Trocknen. Dann ist uns das Trocknen endlich gelungen und wir kochen unsere Pasta und was sehen wir nach acht Minuten im Topf? Zerbrochene Kleinstteile. Das waren echte Stolpersteine, die wir am Anfang unterschätzt hatten.

Wer euch kennt, weiß, dass ihr Dinge spontan angeht. Von der Idee bis zur ersten Nudel: Wie lange hat es gedauert? Aufgrund der unterschiedlichen Aufgabenstellungen ist schon ein halbes Jahr vergangen. Zu Hause in der Küche haben wir natürlich versucht, für uns Nudeln zu machen. Aber im großen Stil? Da mussten wir Maschinen suchen. Hersteller für Trocknungsschränke finden. Rezepte lesen und verstehen. Wir waren bei der Firma Häussler, die Maschinen zur Herstellung von Pasta baut. Der Herr Häussler hat die Ärmel hochgekrempelt und erst mal Nudelteig mit uns geknetet. Sechs Stunden stand der Chef einer riesengroßen Firma an der Maschine und produziert mit uns Pasta. Ich sagte ihm, dass wir ganz klein sind und nur mal schauen wollten. Dem entgegnete er, dass Kleine manchmal größer würden und am Ende gute Kunden von ihm wären. Wir haben zudem alles selber entwickelt und designt. Unsere durchsichtigen Verpackungstüten kannst du auf den Kompost werfen und alles verwendete Papier ist zu einhundert Prozent recycelt.

Mittlerweile stellt ihr Pasta her. Das durchaus erfolgreich. Ihr hättet eure verschiedenen Variationen „Guddy Nummer 1“ oder „Billy No. 236“ nennen können. Aber nein. Eure Firma heißt „Leibundseele“ und eure Pastavariationen tragen den Namen: „Krumme Timpen“, „Annette Locken“ und „Knypperdollynck“, um nur einige zu nennen. Wieso dieser Bezug zu Münster? Ganz im Ernst: Guddy kommt aus Münster und ich wohne gerne hier. Ich komme aus Bochum und dort hätte ich niemals Namen mit Bezug zum Ort genommen. Aber hier passt das super. Die Stadt hat Geschichte und Masematte.

Wie du so gerne zurückhaltend sagst, seid ihr in der Pasta-Szene durchaus etwas bekannt. Kaufen kann man euch mittlerweile in jedem Laden mit regionalem Bezug. Euer Onlineshop läuft und das auf Hochtouren. Hattest du damit gerechnet, zumal deine Nudel unter anderem „Annette Locken“ heißt? Ohne Scheiß: Da hatten wir lange drüber nachgedacht. Wir kennen alle diese Produkte, wo eine Stadt draufsteht und der Inhalt schmeckt ziemlich kacke. Also war schon eine gewisse Sorge da, als Ramschware wahrgenommen zu werden. Auf der anderen Seite zahlen die Kunden mehr als für eine herkömmliche Nudel. Dass die Entscheidung aber richtig war, zeigt der Absatz über die Stadtgrenzen hinaus, der mittlerweile deutlich größer ist als die regionalen Zahlen. Pakete gehen in die ganze Republik. Mit Pastawerkzeug, tütenweise Pasta und leckerem Wein. Also hat die Qualität doch gestimmt und gesiegt. Wir hoffen, dass es den Leuten bei unserer Pasta doch um Geschmack geht und weniger um die Begriffserklärung auf der Packungsrückseite.

Wenn ich mich auf eurer Homepage umschaue, dann finde ich Unmengen an Werkzeugen zur Herstellung von Nudeln. Ich frage mich, was die Kunden antreibt, ihre Pasta selber zu kreieren, sich dieser Herausforderung zu stellen, die du ja ausführlich beschrieben hast. Wir arbeiten alle täglich meistens an einer seelenlosen Kacke, bei der wir am Ende nicht wissen, was dabei rausgekommen ist. Weil wir nur ein ganz kleiner Teil eines Ganzen sind. Bei der Nudel handelt es sich um eine minderkomplexe Geschichte. Ich kann etwas machen, was hinterher ziemlich geil aussieht. Und wenn ein paar Freunde abends zum Essen kommen und dich erstaunt und lobend fragen, ob du das echt selber gemacht hast, ist das schon geil. Diese Einfachheit an der Geschichte. Du machst was. Du holst Freunde dazu. Man isst gemeinsam. Alle sind begeistert. Alle staunen. Hinzu kommt noch der meditative Effekt. Man hatte einen stressigen Tag und kommt nach Hause. Abends machst du Nudeln und kochst die. Das ist alles andere als eine Belastung. Computer, Smartphone und was es da alles gibt, alles gut und notwendig. Aber Pasta selber machen, ist unbezahlbar. Die Menschen backen. Oder stelle dir mal vor, dass Leute ihren Schinken zu Hause reifen und räuchern. Wahnsinn. Das Selbstgemachte hat wieder einen enormen Stellenwert.

Michael "Billy" Bielitza

Woher kommt dieser Trend? Wir sind in den Sechzigern geboren und der Handel veränderte sich. Abgepackte Massenware machte sich in den Regalen breit. Billig statt Qualität. Nahrungsmittel hatten keinen Geist mehr. Wie auch? Jetzt die totale Umkehr. Die Leute craften. Stellen Produkte in Handarbeit her. Essen mit Genuss und Leidenschaft. Woher kommt dieser Wunsch? Ich glaube, dass es dieses Verlangen nach dem Authentischen, dem Echten ist. Mein Vater kommt aus Polen. Pilze sammeln und Angeln stand auf der Agenda. Du kannst Pilze auch kaufen. Aber der Selbstgesammelte schmeckt einfach anders. Dabei geht es nicht ums Geld. Das ist eine Sehnsucht, die wir in uns tragen.

Zum Schluss Billy: Wenn wir zusammen den nächsten Superbowl schauen, werden wir deine Schatulle öffnen können und einfach mal zehn Riesen auf den Kick-Off wetten. (Lacht) Das können wir nicht. Ich bin superfroh. Es wächst wirklich beständig. Das ist reines Family-Business, was Gudula und ich betreiben. Alles in unserer Freizeit. Abends nach Feierabend Pasta machen und Pakete packen. Unser Patenkind und Freunde helfen mit. Da muss auch was bei rumkommen. Das kann nicht nur Spaß sein. Die Nudeln sind Liebhaberei. Alles andere finanziert diese Liebhaberei. Danke Billy. Bleibt gesund und wir sehen uns eh die Tage auf eine Nudel. Danke euch

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