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Krisenhilfe Münster

Trauer passt in keinen Zeitplan

Münster

Wenn ein Mensch sich selbst das Leben nimmt, kommen für Angehörige zur Trauer oft auch Schuldgefühle und Ängste hinzu. Das spüren die Mitarbeiter der Krisenhilfe Münster bei vielen Angehörigen. Als Trauerbegleiter versuchen sie, Unterstützung zu sein.

Von Martina Döbbe

Die Krisenhilfe Münster bildet Trauerbegleiter aus, die Trauernden zur Seite stehen. Foto: dpa (Symbolbild)

Sie sind da. Sie begleiten. Sie gehen mit. Ganz wichtig dabei: „Mitgehen ja, vorangehen nein“, bringt es Norbert Mucksch auf den Punkt. Trauer-Begleiter, so betont er, sind Gefährten, sind interessiert an dem Menschen, der ihren Rat sucht und ihre Unterstützung braucht. Aber, so unterstreicht der hauptamtliche Trauerbegleiter auch: „Sie präsentieren keine fertige Lösung, sie sind mit dem Trauernden unterwegs, suchen mit ihm gemeinsam nach einem guten Weg, die Trauer zu verarbeiten.“

Und dieser Weg – er ist vielfältig und sehr unterschiedlich. Das haben auch die Teilnehmerinnen in der Fortbildung erfahren, die die Krisenhilfe Münster etwa alle vier Jahre anbietet, um Begleitung für Menschen sicherzustellen, die einen Angehörigen durch Suizid verloren haben. Zehn Frauen haben diese mehrmonatige Vorbereitung mit Norbert Mucksch als Ausbilder abgeschlossen und stehen neben der Krisenbegleitung jetzt zusätzlich als Trauerbegleiterinnen im Team der Krisenhilfe zur Verfügung.

Ängste, Schulgefühle, Selbstvorwürfe

Lina Müller-Daniel, Hilke Prahm-Rohlje und Heike Wienberg sind drei von ihnen. Wer sich mit ihnen unterhält, der spürt schnell: Sie fühlen sich diesem Thema eng verbunden, haben sich intensiv mit Fragen, Gefühlen und Erfahrungen rund um den Komplex Tod und Trauer beschäftigt. Und dabei auch gespürt, dass speziell die Verbindung zum Thema Suizid oftmals Abwehrreaktionen, Ängste und zusätzliche Hürden aufbauen kann, wie die Krisenhilfe betont. Menschen, die zurückbleiben, wenn sich ein Partner, ein Kind oder ein Elternteil das Leben nehmen, haben oft mit zusätzlichen Fragen und Problemen zu kämpfen: Scham, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, versagt zu haben, all das kann sich zu einer erdrückenden Last auftürmen.

Petra Karallus (hinten links) und Norbert Mucksch freuen sich mit (sitzend, v.l.) Lina Müller Daniel, Heike Wienberg und Hilke Prahm-Rohlje, dass künftig zehn weitere Trauerbegleiterinnen zum Team der Krisenhilfe gehören. Sie sind Ansprechpartnerinnen für Menschen, die einen Angehörigen nach Suizid verloren haben. Foto: Krisenhilfe

Hier setze das Angebot der Krisenhilfe an, das in Münster allen Menschen offen stehe und kurzfristig einen schnellen ersten Gesprächstermin ermögliche. Deshalb freut sich Leiterin Petra Karallus besonders über die Verstärkung durch die neuen Trauerbegleiterinnen: „Unser Ziel ist, Hilfesuchenden innerhalb der ersten 24 Stunden nach ihrem Anruf ein Erstgespräch vermitteln zu können“, unterstreicht sie.

"Es ist schön, Menschen helfen zu können"

Die Trauerbegleiterinnen fühlen sich durch die Ausbildung gestärkt. Sie empfinden sie als intensive Ergänzung des eineinhalbjährigen Kurses, den jede und jeder Ehrenamtliche im Team der Krisenhilfe absolviert, ehe die konkrete Begleitung von Ratsuchenden in Krisensituationen beginnt. „Es ist schön, Menschen helfen zu können. Die Trauerbegleitung ist eine zusätzliche Möglichkeit, Betroffenen Zeit und Raum zu geben, um den Verlust und alle Gefühle, die er auslöst, zu verarbeiten“, sagen sie.

Krisenhilfe Münster

Ob es kleine oder auch mal größere Schritte sind, ob es Zeiten gibt, in denen auch ein Rückschritt oder ein auf der Stelle treten passiert – für all das gibt es keinen starren Plan oder Vorgehensratschläge.

"Die Trauer des anderen aushalten"

Hilke Prahm-Rohlje schätzt genau das an der Ausbildung. „Wir haben keine Technik erlernt, sondern Wege gesucht, einen Zugang zu einem Klienten zu gestalten.“ Und das mit professioneller Nähe.

Lina Müller-Daniel beschreibt es als „da sein und auch die Trauer des anderen aushalten können“. Abnehmen könne man sie ihm nicht, aber das Gefühl stärken, nicht allein zu sein.“ Heike Wienberg erlebt es zudem als positiv, dass in der Trauerbegleitung auch ein größerer Zeitrahmen Freiraum schaffe. Denn es gibt nicht wie in der Krisenbegleitung eine Begrenzung auf zehn Termine. Eine Trauerbegleitung kann sich, wenn nötig, auch über ein Jahr erstrecken: „Trauer passt in keinen vorher fest gelegten Zeitplan.“

Hinweis: Der Pressekodex sieht vor, dass über Suizide zurückhaltend berichtet wird. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Ergänzend können Sie das Angebot der Krisenhilfe Münster (0251-519005) in Anspruch nehmen und dort bis zu zehn kostenlose persönliche Beratungstermine vereinbaren.

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