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„Die Steilwand“ feiert am Borchert-Theater eine zündende Premiere

Über allen Gipfeln ist Knatsch

Münster

Vier Kletterinnen auf dem Weg durch die Steilwand zum Gipfel. Doch dann stellen sich Egoismen und Eifersucht in den Weg. Das kann ja heiter werden am Berg! Wir waren bei der „Klettertour“ im Borchert-Theater Münster, einer deutschsprachigen Erstaufführung, dabei.

Im Höhenlager der Bergsteigerinnen kündigen sich ernste Krisen an. Szene mit Iris Boss, Erika Jell, Rosana Cleve und Ivana Langmajer (von links). Foto: Tanja Weidner

Wenn es auf Gipfeltour geht, sollte die Seilschaft physisch fit und vor allem ein Herz und eine Seele sein. Doch die Frauschaft in dem Schauspiel „Die Steilwand“, man ahnt es schon, hat weniger mit dem Wetter als mit Ehrgeiz, Egoismen, Eifersucht und folgendem Zickenkrieg zu tun. Daraus zieht das Stück des Katalanen Jordi Galceran, das am Freitagabend eine freundlich begrüßte und beklatschte Premiere im Borchert-Theater feierte, seinen Nährboden. Die vier Damen auf dem Hochplateau und in der Steilwand bringen eine Stimmung zwischen Unterhaltung, Vergnügen und Spannung in die Publikumsreihen.

Das Borchert-Theater beweist in dieser griffigen Inszenierung von Intendant Meinhard Zanger wieder einmal seine Nase für moderne, relevante und in dem Beziehungsgeflecht der Personen spannungsgeladene Stoffe. Dafür hat Olga Lageda eine Bühne geschaffen, die ebenso abstrakt wie stimmungsvoll die Lage am und im Berg vermittelt. Das „Hochlager“ wird mit Zelt und kristallinen Eis- und Schneestrukturen angedeutet, dahinter leuchtet als bedrohliche Zickzacklinie der „Fitz Roy“ in den Anden, den die Frauschaft über die „Slowenenroute“ besteigen und damit ein Meisterstück abliefern will.

Regisseur Zanger lässt seine formidable und für Bühnenverhältnisse sehr warm eingepackte Riege temporeich und pointiert auf Krisen und Wendepunkte hindiskutieren. Das wirkt, bei kurz eingespielten Jodel-Sequenzen und zeitvertreibenden Satzergänzungsspielchen, noch ganz lustig, kulminiert dann aber bis hin zum Zickenkrieg.

Fein arbeiten die Akteurinnen, die alle auf gleich hohem Niveau spielen, die Charakteristika ihrer Figuren heraus. Ivana Langmajer ist als Anna die „Erfahrene“, die in langen Erzählungen von ihren Heldentaten in Wänden und Eisrinnen berichtet. Kathi (Iris Boss), die Psychologin, lässt penetrant die Gruppenleiterin heraushängen, Julia (Erika Jell) hat die ganze Berg-Aktion finanziell initiiert, fängt aber am Berg an zu schwächeln, zumal sie ihren Mitstreiterinnen eine schwere Krankheit verschwiegen hat, und die temperamentvolle Laura (Rosana Cleve) begehrt gerne auf, wenn sie sich benachteiligt fühlt.

Schnell wird klar, dass das ursprüngliche Ziel zunächst zurückgestellt werden muss, weil die Kranke begleitet nach unten zu bringen ist und höchstens noch zwei Kletterinnen den Gipfel erreichen können.

Zu allem Überfluss kommt neben der Frage, wem das Gipfelglück denn nun gegönnt oder geneidet werden soll, nun noch eine Dreiecksbeziehung ins Spiel; denn Philipp, der Expeditionsleiter, dem Meinhard Zanger aus dem Off seine Stimme leiht, hat, was bei den Damen auf dem Hochplateau mit ätzender Wirkung kursiert, seine Partnerin Anna mit Laura betrogen – und nun träufelt auch noch das Gift der Eifersucht in die brüchige Seilschaft.

Spannung und Reibung erzeugt das Stück durch die fast minütlich veränderten „Koalitionen“ zwischen den Damen, die alles versuchen, um die eigenen Ziele am Berg zu erreichen.

Wie das alles ausgeht, sei an dieser Stelle nicht verraten. So viel aber kann man durchaus schon jetzt sagen: Das Frauen-Quartett mit der inhärenten Dreiecksbeziehung bietet gute Unterhaltung und temporeiches Spiel in Sachen „Gruppendynamik“ und hat das Zeug dazu, an Münsters Wolfgang-Borchert-Theater noch viele Steilwände anzugehen.

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