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Will Humburg hat ein Buch geschrieben, das in Münsters „Ring des Nibelungen“-Produktion wurzelt

Verdi-Spezialist und Wagner-Autor

Münster

Will Humburg, der die Theaterlandschaft des Münsterlandes als Generalmusikdirektor in den Jahren 1992 bis 2004 entscheidend prägte, hat ein Buch geschrieben: Sein Thema ist Richard Wagners „Rheingold“. Von den Erkenntnissen des Dirigenten und Autors Humburg und seinen Erfahrungen erzählt er im Redaktionsgespräch.

Von Harald Suerland

Der Dirigent Will Humburg war von 1992 bis 2004 Generalmusikdirektor in Münster Foto: privat

Will Humburg, der die Theaterlandschaft des Münsterlandes als Generalmusikdirektor in den Jahren 1992 bis 2004 entscheidend prägte, hat ein Buch geschrieben: Sein Thema ist Richard Wagners „Rheingold“. Von den Erkenntnissen des Dirigenten und Autors Humburg und seinen Erfahrungen erzählt er im Redaktionsgespräch.

Herr Humburg, auf Ihrer Internetseite finden sich zahlreiche Kritiker zitiert, die Sie als den den großen deutschen Verdi-Dirigenten rühmen. Und jetzt ein Buch über den Kontrahenten Wagner?

Will Humburg: Die Idee dazu ist entstanden während der Arbeit an Münsters „Ring des Nibelungen“, den wir 1999 bis 2001 aufgeführt haben. Ich habe damals auf einem begleitenden Symposion einen Vortrag zur Orchestration im Ring gehalten, der dann als Aufsatz „Vom Leitmotiv zur Leitorchestration“ in einem Sammelband erschienen ist. Bei der Arbeit am „Ring“ war mir zum Beispiel aufgefallen, dass ausgerechnet die von Wagner extra erfundenen Tuben, die etwa das „Walhall“-Motiv prägen, im gesamten dritten Akt der „Walküre“ nicht mehr eingesetzt werden. Wagner verwendet sie allerdings etwa beim Motiv des Widersachers Hunding, wo er doch mit den Posaunen eine viel aggressivere Wirkung hätte erzielen können. Das heißt für mich: Es ist eine klangsymbolische Orchestration, sie legt eine zusätzliche Bedeutungsschicht unter Textbuch und Motivik, hier etwa einen Bezug zu Wotan. Wagner-Forscher wie Egon Voss meinten dagegen, eine dramaturgische Orchestration gebe es bei Wagner nicht.

Dem Buch ist eine Liste der Leitmotive beigelegt, auch einige Leitrhythmen und -akkorde führen Sie auf. An solchen Tabellen habe ich mich beim ersten Hören von Wagners „Ring“ orientiert. Aber Sie haben Neues dazu zu sagen ...

Humburg: Ich frage mich immer: Wo kommen die Motive her und warum? Und warum ist die Musik genauso und nicht anders komponiert? Denken Sie an Sieglindes Liebesmotiv „Du bist der Lenz“ – es kommt von Alberichs Begegnung mit den Rheintöchtern zu Beginn des „Rheingold“: „Die dritte, so traut, betrog sie mich auch?“ Und Siegmunds Liebesmotiv stammt ursprünglich von Fricka, es geht um die Untreue ihres Mannes Wotan. Es sind also in Wahrheit Motive des Liebesbetrugs. Ein anderes Beispiel: An zwei Stellen verschmelzen der Schmiede-Rhythmus der Nibelungen und das Riesenmotiv miteinander: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Das Thema Wagner und Marx ist ja gerade aktuell durch das neue Buch von Herfried Münkler ...

Humburg: Andererseits gibt es im „Ring“ drei Leitmotive und einen Leitakkord für die Furcht. „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie“, sagt Wotan beim Abschied von der schlafenden Brünnhilde. Loges Feuer und sein musikalisches Motiv stehen dort symbolisch also für die Furcht vor der weiblichen Sexualität, die selbst der furchtlose Siegfried schließlich erfährt. Bei seinem Ziehvater Mime hingegen flackern die Feuermotive dann auf als Symbol für die Angst vor der Kreativität, mit der Siegfried das schafft, was er nicht kann: Das Schwert neu zu schmieden. Dies alles 50 Jahre vor Siegmund Freud!

Sie analysieren in Ihrem Buch Takt für Takt „Das Rheingold“, hier gibt es gegen Ende das „Schwertmotiv“, das durch den Orchestersatz trompetet, ohne dass ein Schwert vorkommt – es folgt erst in der nächsten Oper. Kann man die Motive also nicht in der Chronologie verstehen – oder müsste man sie umbenennen?

Humburg: Wagner selbst hat sie ja nie so genannt, und den Begriff Leitmotiv prägte Hans von Wolzogen, der die Leitmotivtafeln entwickelt hat: Er brauchte dazu schlagkräftige Begriffe. Das „Schwertmotiv“ ist eigentlich das Motiv des „großen Gedankens“, den Wotan am Ende des „Rheingold“ fasst und der in zwei Richtungen geht: Einerseits zur allwissenden Erda hinabzusteigen, andererseits das Schwert in den Baumstamm zu versenken wie Excalibur, damit es nur der freie Held hinausziehen kann, den Wotan für seine Pläne braucht. Wagner hat zwar seinen vierteiligen Opernzyklus vom Ende her konzipiert, aber dann vom Anfang des „Rheingolds“ an chronologisch komponiert, und so funktionieren auch die Motive.

Ihr Buch ist ja, wie Sie angedeutet haben, Ergebnis eines Langzeitprojekts. Vermutlich haben die Corona-Lockdowns jetzt dazu beigetragen, es fertigzustellen?

Humburg: Ja, ich habe 2002 begonnen und war irgendwann bei Loges Auftritt stehengeblieben. Dazwischen waren viele Dirigierverpflichtungen, ich habe nach Münster ja auch in Rom „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ konzertant dirigiert und zwei Jahre später mit einem szenischen „Rheingold“ einen neuen „Ring“ begonnen, der aber nicht fortgesetzt werden konnte. Gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Uwe Schweikert, der den Anfang lektoriert hatte, habe ich nach ersten Überlegungen zu bestimmten Aspekten den Entschluss gefasst: Analysieren wir doch einfach alles und chronologisch! Für die Leser bedeutet das natürlich: Man sollte zumindest das Textbuch des „Rheingold“ hinzunehmen. Wenn das Buch ankommt, könnte man an eine Fortsetzung mit der „Walküre“ denken.

Wie hat sich denn die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit ausgewirkt? Nach den Jahren als Generalmusikdirektor am Staatstheater Darmstadt sind Sie ja freier Dirigent.

Humburg: Seit März 2020 ist tatsächlich, bis auf ein Konzert, alles weggebrochen, Opernproduktionen in Köln, Bonn, Essen, Wiesbaden ... Manche Häuser haben noch etwas für die abgesagten Vorstellungen gezahlt, andere wie Dresden keinen Pfennig! Und von der Politik wurden die freien Künstler auch übersehen, so wurde es ja Mitte Mai, bis Angela Merkel die Kultur überhaupt erwähnt hat. Und Harz IV? Ich habe von Musikern gehört, die den Hinweis bekamen: Sie haben doch Vermögen – ihre Geige! All das in der Kulturnation Deutschland, während in Madrid durchgespielt wurde, während die Wiener schon 2020 selbst „Elektra“ wieder in voller Besetzung spielten! Das war schon sehr traurig. Ich fürchte, es wird noch fünf Jahre dauern, bis das alles wieder normal läuft – wenn überhaupt. Und was machen Musiker mit 40, die keine Stelle haben, was machen Berufsanfänger?

In Bonn hätten Sie mehrere Vorstellungen von Verdis „Maskenball“ dirigiert, in Wiesbaden Verdis „Rigoletto“. Also wie eingangs gesagt: Der Verdi-Spezialist als Wagner-Autor?

Humburg: (lacht) Nein, das Verdi-Etikett kam ja erst später. Nach dem „Ring“ war vom „Wunder von Münster“ die Rede, und als der Dirigent Giuseppe Sinopoli im April 2001 starb, wurde ich sogar als sein Nachfolger in Bayreuth gehandelt, bis sie sich für einen Kollegen von einem größeren Theater entschieden. Aber Verdi erwähne ich mit dem Quartett aus „Rigoletto“ ja auch im „Rheingold“-Buch und glaube, bei den italienischen Komponisten müssen wir sehr viel Abbitte leisten. So schuf Verdi für jede seiner Opern eine spezielle „tinta musicale“, eine musikalische Grundfarbe, die das Werk prägt. Wie das Fluch-Motiv im „Rigoletto“ erst am Schluss aufgelöst wird, das ist ebenso genial durchdacht wie in deutschen Opern. Für Puccini gilt das auch, und manches Vorurteil, diese Komponisten hätten keinen „Tiefgang“, sind aus dem Neid entstanden, dass sie so publikumswirksam komponierten. Es gibt diesen Satz „Für Wagner muss man musikalische Bildung haben“: Ist das denn ein Qualitätskriterium?

Ihr Buch könnte ein Beleg für den Satz sein ...

Humburg: Ja, so gesehen ist es auch ein Buch gegen Wagner. Aber was ich ja auch sage: Es ist durchaus als Streitschrift gedacht, Widerspruch ist durchaus erwünscht. Kann übrigens sein, dass wir es noch mit einer kleinen Veranstaltung in Münster vorstellen werden.

Ihr letzter Auftritt hier 2016, im Sinfoniekonzert mit Beethovens Vierter und den „Pini di Roma“, ist ja noch in guter Erinnerung ...

Humburg: Auch bei mir! Das Orchester habe ich in fabelhafter Qualität wiedergefunden. Und die Musiker haben mit einer Strichliste notiert, ob auch alle alten Sprüche von mir wiederkämen... Es war wirklich eine Freude.

Will Humburg: Wagners Rheingold. Eine Deutung von Leitmotivik und Orchestration. Königshausen & Neumann, 180 Seiten, 38 Euro (das Cover zeigt ein Foto aus der münsterschen Rheingold-Produktion)

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