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Missbrauchsprozess Münster

Verfahren gegen Adrian V. auf Zielgerade

Münster

Seine Festnahme brachte vor mehr als einem Jahr einen ausufernden Fall von Kindesmissbrauch ans Licht.  IT-Techniker Adrian V. aus Münster soll seinen Ziehsohn immer wieder auch anderen Männer für ihre Gewalttaten zugeführt haben. Im Prozess stehen nun die Urteile an.

Von Florentine Dame (dpa)

Im Prozess gegen Adrian V. – vorne stehend hinter einem Aktendeckel – und vier Mitangeklagte sollen bald die Urteile verkündet werden. Foto: Dirk Anger

Nur wenig ist aus den in weiten Teilen nicht öffentlich verhandelten Gerichtsverfahren nach außen gedrungen. Doch die Dimension der sexuellen Gewalt gegen Kinder im Missbrauchsfall Münster bleibt ohnehin erschütternd. Seit Herbst wird vor dem Landgericht Münster einer der umfangreichsten Kindesmissbrauchskomplexe der vergangenen Jahre verhandelt - und bald werden die Richter über Schuld und Strafe des mutmaßlichen Haupttäters und von vier weiteren Angeklagten entscheiden. Das Gericht will am Dienstag (29. Juni) nach den letzten Worten der Angeklagten und über 50 Prozesstagen mitteilen, wann genau Anfang Juli die Urteile verkünden werden.

Die Staatsanwaltschaft hat sich für Haftstrafen von 14 bis 10 Jahren für schweren sexuellen Missbrauch von Kindern und 6 Jahre für Beihilfe im Fall der Mutter des Hauptangeklagten ausgesprochen. Außerdem sollen die Männer wegen Wiederholungsgefahr anschließend in Sicherungsverwahrung. 

Mutmaßlicher Drahtzieher aus Münster

Als mutmaßlicher Drahtzieher des grausamen Geschehens gilt der 28-Jährige IT-Techniker  Adrian V. aus Münster: Immer wieder soll er den Sohn seiner Lebensgefährtin - der Junge ist inzwischen elf Jahre alt - vergewaltigt und anderen Männern zugeführt haben. Die Männer soll er häufig im Internet kennen gelernt und sich dann zum Missbrauch des Ziehsohns mit ihnen verabredet haben. Bei den Treffen an verschiedenen Orten - mal in der Wohnung des Angeklagten, mal in einer angemieteten Ferienwohnung, mal in einem Auto - soll es dann wiederholt zum schweren sexuellen Missbrauch gekommen sein.

Gegen dreizehn Beschuldigte hat allein die Staatsanwaltschaft Münster Anklage erhoben, darunter auch gegen die Mutter des Jungen. Bundesweit gibt es weitere Verfahren, auch im benachbarten Ausland gibt es Verdächtige.

Der 28-Jährige war Mitte Mai 2020 festgenommen worden. Eine große Menge sichergestellter Datenträger, darunter auch ein Überwachungsvideo aus einer Gartenlaube in Münster, das schwerste Gewalttaten an seinem Ziehsohn und einem weiteren Kind zeigt, ließen die Ermittler in Münster befürchten, hier nach den großen Missbrauchskomplexen von Lügde und Bergisch Gladbach abermals auf einen Fall mit vielen Tätern und Opfern gestoßen zu sein.

50 Verdächtige identifiziert

„Diese Befürchtung hat sich nach nunmehr einem Jahr andauernden Ermittlungen leider bestätigt“, sagte Martin Botzenhardt, Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die eingerichtete Ermittlungskommission bei der Polizei in Münster hat mehr als 50 Tatverdächtige identifiziert, von denen rund 30 in Haft sitzen. „Es liegen Hinweise auf weitere Täter und Opfer vor. Wir arbeiten weiter mit Hochdruck“, sagte eine Sprecherin der Polizei.

80 Ermittler sind auch ein Jahr nach dem Ermittlungsstart noch dabei, die gigantischen Datenmengen auszuwerten. Von 1400 IT-Asservaten habe man etwa 800 bereits durchforstet. Zuletzt war ein Mann in Berlin gefasst worden, weil er auf Missbrauchsfotos zu sehen war. Bei der Staatsanwaltschaft Münster sind nach Auskunft Botzenhardts zwei erfahrene Dezernenten ausschließlich mit der Bearbeitung der Fälle aus dem Komplex befasst. Ihr arbeitsintensiver und anspruchsvoller Einsatz sei „mühsame aber lohnenswerte Puzzlearbeit“, betonte Botzenhardt: Um die Tatverdächtigen vor Gericht zu bringen, mussten und müssen die Ermittler unzählige Chatprotokolle auswerten und abgleichen, um Bezüge zu den stattgefundenen Missbrauchstaten, über die sich die Männer nachträglich ausgetauscht haben sollen, herzustellen.

Bisherige Urteile: zwischen drei und neun Jahren Haft

Gegen fünf Angeklagte hat das Landgericht Münster bereits ein Urteil gesprochen - und Freiheitsstrafen zwischen etwas mehr als drei Jahren und neun Jahren verhängt.

Der wohl größte Prozess in dem Missbrauchskomplex, in dem neben dem 28-Jährigen auch dessen Mutter sowie drei Männer aus Hannover in Niedersachsen, dem hessischen Staufenberg sowie Schorfheide in Brandenburg auf der Anklagebank sitzen, ist nach Abschluss der umfangreichen Plädoyers nun auf der Zielgeraden. Seit November hat sich die Strafkammer mit einem gleichwohl grausamen Ausschnitt des Gesamtkomplexes befasst. Nach Angaben eines Sprechers wurden in dem Prozess 70 Zeugen vernommen, sieben Sachverständige haben ausgesagt, zahlreiche Bilder und Videos wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Saal gezeigt. Die Akten umfassen insgesamt 20 000 Seiten.

Brutale Geschehnisse in der Gartenlaube

Verbindendes Element zwischen den Angeklagten sind die brutalen Geschehnisse in der Gartenlaube seiner Mutter am Stadtrand von Münster: Über mehrere Tage im April hinweg sollen die vier Männer zwei Jungen betäubt und sich wieder und wieder an ihnen vergangen haben. Während der Ermittlungen hatten sie der Staatsanwaltschaft zufolge keine Angaben gemacht.

In dem Prozess sagten zwar einige seiner Mitangeklagten nach Angaben eines Gerichtssprechers aus, der Hauptangeklagte und seine Mutter schwiegen jedoch weiter zu den Vorwürfen. Ein wichtiges Beweismittel in dem Prozess dürfte allerdings Bände gesprochen haben: Eine Überwachungskamera dokumentiert das Geschehen in der Gartenlaube, brachte die Ermittler vor einem Jahr auch auf die Spur der weiteren Angeklagten.

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