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Öffentlichkeitsfahndung

Verurteilter Mörder legt vor Haft Fußfessel ab - und flüchtet

Münster

Ein rechtskräftig verurteilter Mörder hat in Münster seine Fußfessel abgelegt und ist geflüchtet, kurz bevor er seine Haft hätte antreten müssen. Nach dem Mann wird gefahndet. Es wurden Bilder von ihm veröffentlicht - die Polizei bittet um Hinweise. 

Von Stefan Werding/pd

Rückblick: Der Angeklagte verbirgt beim Prozess sein Gesicht hinter einer Gesichtsmaske, einer Brille und unter einer Kapuze. Foto: Bernd Thissen

Von ­wegen „keine Fluchtgefahr“: Ralf H., Mörder der 16-jährigen Nicole Schalla, ist verschwunden. Die Staatsanwaltschaft in Dortmund hatte den 56-Jährigen ganz normal zum Straf­antritt geladen, wie ihr ­Sprecher Henner Kruse am Mittwochabend gegenüber unserer Zeitung erklärt. Daraufhin habe sich der verurteilte Mörder von seiner Fußfessel befreit und sei aus seiner Wohnung am Fridtjof-Nansen-Weg in Münster-Gremmendorf verschwunden.

Am Dienstag um 20.10 Uhr hatte die Fessel einen Alarm ausgelöst. Als um kurz vor 21 Uhr Beamte in der Wohnung ankamen, um H. zu überprüfen, war er verschwunden – genauso wie dessen Lebensgefährtin, mit der er zusammenlebte. Ob die Fußfessel aufgebrochen, aufgesägt, aufgeschnitten oder auf eine andere Weise bearbeitet wurde, blieb am Mittwoch unklar.

Keine Hinweise auf konkretes Gefährdungspotenzial

Der Mann war nicht im Gefängnis, weil die Justiz keine Fluchtgefahr sah und das Urteil noch nicht rechtskräftig war. Die Polizei hatte die Fußfessel zur Gefahrenabwehr beantragt, das Amtsgericht in Münster hatte dem im April 2021 zu­gestimmt.

Mit der Fußfessel kann die Polizei nicht überprüfen, wo sich der Träger gerade befindet. Sie kann lediglich nachvollziehen, wo jemand gewesen ist. Wäre also ein Verbrechen passiert, das der Tat gleicht, die H. vor 28 Jahren schon einmal begangen hat, hätten Ermittler feststellen können, ob er am Tatort gewesen ist. Damit sollen mögliche Täter ab­geschreckt werden, rück­fällig zu werden.

Aufgabe der Fußfessel war es nicht, den 56-Jährigen an einer Flucht zu hindern. „H. war auf freiem Fuß“, sagt Polizeisprecher Jan Scha­backer gegenüber unserer Zeitung. Er kenne keine Hinweise auf ein konkretes Gefährdungspotenzial durch den Flüchtigen.

Reaktion der Eltern des Opfers

Der heute verurteilte Mörder war 2018 nach einer Neuauswertung von DNA-Spuren festgenommen worden. Dabei ging es um eine Hautschuppe, die auf der Leiche von Nicole Schalla gefunden worden war. Das 16-jährige Opfer war 1993 in einem Dortmunder Vorort überfallen und erwürgt worden – aus sexuellen Motiven. Nach dem Urteil hatte das Oberlandesgericht (OLG) Hamm entschieden, dass der Verurteilte aus der überlangen Untersuchungshaft bis zu einem rechtskräftigen Urteil entlassen werden musste.

Aus Sicht des OLG hatte sich das Landgericht Dortmund zwischen den beiden Prozessen zu viel Zeit gelassen. Es sah keine Fluchtgefahr. Eine Vermutung, wo sich der Mann aufhalten könnte, hat die Polizei offenbar nicht. Anwältin Arabella Pooth, die Nicole Schallas Eltern als Nebenkläger vor Gericht vertreten hatte, sagte am Mittwoch: „Es war klar, dass der Mann sich seiner Haftstrafe nicht stellen würde.“ Dass er nach dem Prozess zunächst auf freiem Fuß geblieben war, sei rechtlich zwar möglich gewesen, aber aus ihrer Sicht falsch. Dass der Mann nun verschwunden sei, sei für die Eltern des Opfers „eine Katastrophe“ und nicht zu begreifen.

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