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Künstliche Intelligenz hilft bei der Medizinerausbildung

Virtuell lernen – echt heilen

Münster

Angehende Ärzte lernen im Studium an der Universität Münster die Praxis im Studienhospital der Fakultät. Aber manche Situationen lassen sich auch nicht im Austausch mit Schauspielern simulieren. Hier hilft nun Künstliche Intelligenz.

Von Karin Völker

Jacqueline Kockwelp im Studienhospital der Universität ist mit den Studentinnen in Kontakt, die, ausgerüstet mit einer VR-Brille und Handsensoren, in einem virtuellen Zimmer einer Intensivstation eine ebenso virtuelle Patientin untersuchen. Foto: Oliver Werner

Manche Dinge lassen sich im Medizinstudium nur schwer lernen. Zum Glück eigentlich – denn sie kommen in der medizinischen Alltagspraxis selten vor. Zum Beispiel, wenn es gilt, einen Hirntod zu diagnostizieren. Nur wenige Ärzte werden im Beruf in eine solche Situation kommen, sagt Studiendekan Prof. Bernd Marschall von der Medizinischen Fakultät der Universität Münster.

Studierende arbeiten mit einer Intensivpatientin – aber die gibt es gar nicht

Trotzdem erleben in diesen Tagen 155 Medizinstudierende genau dies. Etwa die Studentin im siebten Fachsemester, die im Zimmer der Intensivstation bei einer Patientin mit schweren Kopfverletzungen alle Untersuchungen vornimmt, die exakt darüber Auskunft geben, ob das Hirn eines beatmeten Menschen noch aktiv ist. Die Studentin zieht die Bettdecke weg, später entfernt sie für einen Moment den Tubus, prüft Reflexe von Atem und Augenaktivität, bedient die technischen Geräte, alles wie bei den ausgebildeten Intensivmedizinern. Nur: Die Patientin gibt es nicht, ebenso wenig wie das Intensivzimmer.

Bewegung im virtuellen Raum

Die Medizinstudierenden, leibhaftig im Studienhospital der Fakultät anwesend, bewegen sich im virtuellen Raum, inklusive der Patientin geschaffen von Informatikern der WWU um Prof. Benjamin Risse. Sie bringen in Zusammenarbeit mit den Medizinern Künstliche Intelligenz (KI) in die Ausbildung. Die Forschung an Möglichkeiten von KI in der Mediziner-Ausbildung wird in einem vom Bund geförderten Verbundprojekt mit 2,6 Millionen Euro unterstützt. Nicht nur Extremsituationen wie die Hirntod-Diagnose werden so sehr realitätsnah simuliert. Mit Hilfe von KI werden angehenden Ärzten auch mit Maskenbildnerei schwer simulierbare Hautkrankheiten oder ein so verbreitetes Leiden wie Hämorrhoiden dargestellt, berichtet Marschall.

In hochemotionalen Situationen regieren echte Menschen differenzierter als KI

Für die Studentinnen, die am Freitagmorgen die Schritte der Hirntoddiagnose lernen, ist damit die Lektion noch nicht vorbei. Nun müssen sie Angehörigen die bittere Nachricht verkünden, außerdem klären, ob es möglich wäre, bei der hirntoten „Patientin“ Organe für Transplantationen zu entnehmen. Das aber im Zwiegespräch mit echten Schauspielern. „In derart hochemotionalen Situationen reagieren echte Menschen differenzierter als KI“, meint Psychologin Janina Sensmeier. Vorerst jedenfalls.

So selten etwa niedergelassenen Ärzte in ihrer Berufspraxis mit der Extremsituation Hirntod konfrontiert werden, so sinnvoll ist gleichwohl das für alle verpflichtende Studienmodul: „Wer diese Übung absolviert hat, kann später in jedem Alltagsgespräch die verbreiteten Zweifel an der Hirntoddiagnostik ausräumen“, meint Studiendekan Bernd Marschall. Und so Vorbehalte gegen die Organspende ausräumen.

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