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Beeindruckende Performance zum Thema „Tod“ auf dem Zentralfriedhof

Von der Zerbrechlichkeit des Lebens

Münster

Tanz und Musik in der Trauerhalle? Passend zum Monate November machte sich das Corporeal Poetry Collective daran, mit der Performance „Zerbrechlichkeit“ das Thema Tod zu beleuchten. Wir waren dabei.

Von Günter Moseler

Maren Wittigs Tanz in der Kapelle des Zentralfriedhofs wirkte wie eine Meditation Foto: Moseler

Wer den Tod verteufelt, sollte sich kurz die Welt ohne ihn vorstellen: als Hölle. Sein eigentlicher Charakter ist das Rätsel, Unerklärliche – Dichterfürst Goethe betrieb hemmungslose Tabuisierung, während Mozart den Tod in einem Brief als „wahren Endzweck unseres Lebens“ wertschätzte. Extrempositionen zweier Unsterblicher, die in der Performance „Zerbrechlichkeit“ des Corporeal Poetry Collective nie auftauchten. Das Ensemble machte sich vielmehr daran, „emotionale Leerstellen“ beim Tod eines Menschen durch Tanz, Musik und Sprache auszufüllen.

In der Friedhofskapelle des Zentralfriedhofs umrahmten Stuhlreihen eine Freifläche, in deren hinterer Ecke Dean Ruddock einer Art „Sägecello“ mit ellenlangem Hals, weitgespannter Saite und bechergroßem Resonanzkörper Basstöne entlockte. Zuvor war auf gegenüberliegender Seite ein kleinformatiges Video mit Gegenständen zu sehen gewesen, die sich durch übergroße Nähe in abstrakte Formen zu flüchten schienen. Es war, als griffe der Anfang insbesondere die unerklärbare Leere, Ferne und Unantastbarkeit aller Todesarten auf. Die „Collective“-Künstlerin Bettina Henningsen rezitierte dazu den Text „Kummertal, Rundberg“ der ungarischen Sound-Poetin Kinga Tóth. Deren dichterische Sprache näherte sich hier der Sprachlosigkeit durch assoziativ Kryptisches, allein Signalwörter wiesen in die eine oder andere Richtung. Ruddocks Fantasiecello kreuzte die Zeilen mit schroffen Tönen.

Ein auf das fließende Spiel ihrer Hände konzentrierter Tanz Maren Wittigs wirkte wie eine Meditation, die wie in Schüben auf den ganzen Körper übergriff. Rituelle Bewegungen und Gesten wurden hingebungsvoll ausgespielt.

Die Stille der Performance hielt Distanz zum Phänomen „Tod“. Sie bewahrte eine Fassung, als könne sie derart Todesängsten und (nutzlosen) Widerständen Paroli bieten. Vielleicht war dies ihr alternativer Vorschlag: Wer dem Tod gegenübertritt, darf auf Niederlagen gefasst sein – vielleicht aber auch auf einen gerechten Frieden.

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